More DW Blogs DW.DE

Weltzeit-Blog

Medien international

Kathrin Reinhardt | Medien international

Äthiopien: Junge, urbane Hörer setzen zunehmend aufs Internet

Seit Mitte September setzt die Amharische Redaktion der DW auch auf Facebook und Twitter, um ihre Zielgruppen in Äthiopien zu erreichen. Ludger Schadomsky, Leiter der Redaktion, zieht eine erste Bilanz.

 

Herr Schadomsky, warum ist Ihre Redaktion in Facebook und Twitter aktiv und welches Publikum möchten Sie damit erreichen?

Aus politischen Gründen – die DW sieht sich in Äthiopien nach wie vor staatlicher gesteuerter Repression ausgesetzt – können wir auf absehbare Zeit nicht auf die Ausstrahlung über Partnersender setzen, da die elektronischen Medien nach wie vor staatlich gelenkt sind. Zwar ist die Kurzwelle nach wie vor der Ausspielweg Nummer 1, wir sehen aber, dass junge, urbane, Medien-affine Hörer zunehmend auf Alternativangebote setzen. Diesem Trend wollen wir durch Angebote in den Sozialen Medien, aber auch durch eine leichte Anhebung der Angebote im Internet, entgegenkommen. Wir denken primär an Studenten, junge Geschäftsleute, aber auch an junge, progressive Mitglieder des riesigen Beamtenapparates, von denen wir wissen, dass sie unsere Angebote trotz Regierungspropaganda nutzen.

 

Welche Themen greifen Sie dort auf und wie sind bisher die Reaktionen?

Wir spielen jeden Tag unser gesamtes Themenangebot – Nachrichten, Aktuelles sowie Magazine – als RSS-Feeds auf Twitter aus. In Ergänzung posten wir das jeweilige Topthema des Tages auf Facebook und laden wie auch beim SMS-Feedback-Service zur Diskussion ein. In der Vielzahl der Fälle sind dies äthiopische beziehungsweise deutsch-europäische Themen mit lokaler Relevanz. Wenn Sie eine Experten-Analyse des jüngsten Wahlergebnisses von 99,6 Prozent für die Regierungspartei posten, dauert der Rücklauf nicht sehr lang…

 

Haben Sie Informationen darüber, woher die meisten Zugriffe kommen?

Die Profile unserer Kunden, wie übrigens auch die Zugriffe auf unser Online-Angebot und die SMS-Reaktionen, zeigen, dass immer mehr Feedback aus Äthiopien selbst kommt. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass das Land selbst im afrikanischen Vergleich eine sehr schwache Internetdurchdringung hat. Der Zugang ist also oftmals schlicht nicht gegeben, hinzu kommen sehr hohe Kosten und die Angst vor Repressionen. Insofern ist der Trend ermutigend. Die Tatsache, dass die sehr meinungsstarke äthiopische Diaspora intensiv mitdiskutiert, nehmen wir gerne zur Kenntnis – wenngleich diese Gruppe nicht unsere primäre Zielgruppe darstellt.

 

Die äthiopischen Behörden stören immer wieder die Hörfunk-Signale von DW und Voice of America. Können Facebook und Twitter in Zukunft eine wirksame Alternative beziehungsweise Ergänzung sein?

In der Tat müssen wir uns auf weitere Jamming-Angriffe einstellen. Hier können Soziale Medien allenfalls eine Ergänzung, in der Fläche aber nie eine Alternative sein. Wir dürfen trotz des Facebook-Hypes nicht vergessen, dass das Gros unserer Hörer nach wie vor keinen Zugang zum Internet und Sozialen Medien hat. 85 Prozent der äthiopischen Bevölkerung verdient sein Brot in der(Subsistenz-)Landwirtschaft. Sie können sich vorstellen, dass es auf dem Land mit Twitter noch nicht weit her ist. Auch unterliegen diese Ausspielwege potenzieller Zensur, es gibt zahlreiche Seiten, die in Äthiopien gesperrt sind. Am Ende steht die Erkenntnis: Kein noch so ausgeklügelter Ausspielweg ersetzt die dringend gebotene Liberalisierung des restriktiven äthiopischen Medienmarktes, die uns erlauben würde, unsere Inhalte neben der Kurzwelle komplementär auch auf UKW-Frequenz anzubieten.

Datum

Mittwoch 15.12.2010 | 09:47

Teilen

Hinterlasse einen Kommentar