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Medien international

Berthold Stevens | Medien international

Wiedersehen mit den Medien Lateinamerikas

Die Boulevardisierung der lateinamerikanischen Medien ist ihm ein Graus. Leonardo Martínez Ugarte (Foto), Journalist und langjähriger Dozent der DW-Akademie, der auch heute noch sein Know-how weitergibt, setzt sich unermüdlich für Qualitätsjournalismus ein. Am Donnerstag, 28. Oktober, erzählt der heitere chilenische Weltenbummler im Funkhaus der DW in Bonn aus seinem reichen Erfahrungsschatz – hier ein kleiner Vorgeschmack.

Mein Wiedersehen mit der lateinamerikanischen Presse hat sich in zweifacher Weise und unterschiedlichen Formen ereignet.

Ich möchte Ihnen von der Produktion der Sendung „13 Briefe für die 33“ erzählen. Diese Hörfunk-Dokumentation ist im September entstanden im Rahmen einer Fortbildung für Radiojournalisten in Mexiko. Ich war als Dozent im Auftrag des Senior Experten Service (SES) in Bonn beim Institut für berufliche Fortbildung in Huichapan im Bundesstaat Hidalgo.

„Es geht uns 33 gut im Schutzraum“. Über diese kurze Mitteilung der 33 verschütteten Bergleute in Chile habe ich mit den 13 Kursteilnehmern in Mexiko einen Vormittag lang diskutiert. Das war Journalismus in Reinform, kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Jeder der 13 Kursteilnehmer hat einen Brief an die Kumpel verfasst. Viele von ihnen waren selbst Söhne oder Enkel von Bergarbeitern in Hidalgo – die Minen sind jedoch längst stillgelegt.

Wir haben in Chile um zusätzliches Informationsmaterial nachgefragt – die Antwort war ernüchternd: Zu dem Zeitpunkt wurde die Tragödie bereits grausam und krankhaft ausgeschlachtet. Unsere Briefe, unsere Botschaften würden in diesem sensationsgierigen Klima kein Gehör finden. Wie in so vielen Ländern Lateinamerikas hatte sich auch hier die Gewalt der Sprache der Medien bemächtigt.

Einer der Kursteilnehmer, Direktor eines mexikanischen Radiosenders, schrieb: „Wir suchen nach einer würdigen Sprache, da wir auf keinen Fall die Sensationslust anheizen wollen. Wir wissen, was geschehen ist und worum es geht.” Wir haben die Sendung produziert und beschlossen, sie erst zu senden, wenn auch der letzte Kumpel gerettet worden sei. Das ist geschehen. In Deutschland war es drei Uhr morgens.

In diesem Moment waren im chilenischen Copiapó 2.000 Reporter und Kameraleute – oder wie auch immer sie sich selbst bezeichnen – versammelt. Der chilenische Präsident dankte Gott. Aber niemand sagte oder schrieb das, was ich zur gleichen Zeit per Mail geschickt bekam: „Gestern Abend haben wir die ersten geretteten Kumpel gesehen. Auch im Bewusstsein der medialen Inszenierung war es bewegend zu sehen, wie Mutter Erde, die Pacha Mama, ihre Söhne wieder frei gab.“ (José Ignacio López Vigil, aus Quito).

Der chilenische Schriftsteller Hernán Rivera Letelier fügte in El País hinzu: „Wir müssen jetzt den Schmerz, die Qual, das unsägliche Leiden derer respektieren, die unter Millionen Tonnen Gestein, 700 Meter unterhalb des Lebens, am Eingang zur Hölle überlebt haben.”

Zu welchem lateinamerikanischen Land passen diese Beschreibungen? Zu Chile, Mexiko, Ecuador, oder Honduras? Wo befindet sich aktuell diese Hölle des lateinamerikanischen Journalismus?

Leonardo Martínez Ugarte

Hier geht es zur Einladung

Leonardo Martínez Ugarte stellt in der DW sein Buch vor: "Si la memoria no me falla – Wenn mich die Erinnerung nicht trügt". Es ist ein Mosaik aus Begegnungen mit Menschen.

Datum

Montag 25.10.2010 | 15:25

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