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Medien international

Kathrin Reinhardt | Medien international

„Twitter und Facebook können auch Schlachtfelder sein“

Claire Ulrich von "Global Voices"Über Soziale Medien in arabischen Ländern und in Nordafrika wird viel berichtet. Doch wie sieht es in den Staaten südlich der Sahara aus?
Fragen von Kathrin Reinhardt an die Journalistin Claire Ulrich vom internationalen Blogger-Netzwerk „Global Voices“. Ulrich ist in West- und Zentralafrika aufgewachsen und war in diesem Jahr Jury-Mitglied des Blog-Awards „The BOBs“ der Deutschen Welle.

Große Teile von Subsahara-Afrika haben noch keinen Internet-Anschluss. Aber viele Afrikaner, auch in abgelegenen Dörfern, können heute mit ihrem Mobiltelefon das Internet nutzen. Welche Rolle spielen Mobiltelefone dort?

Sie spielen eine entscheidende Rolle. Zwar besitzt nicht jeder Afrikaner ein Smartphone, aber jeder kennt und nutzt Mobiltelefone. Es besteht allerdings eine deutliche Lücke zwischen Ostafrika, das gut ausgestattet ist, und West- und Zentralafrika, die hinterherhinken. Smartphones mit Internetverbindung sind für die Mehrheit der Afrikaner zu teuer, aber die W-LAN-Abdeckung wächst von Monat zu Monat in den meisten afrikanischen Ländern. Und es ist offensichtlich, dass die meisten Afrikaner früher oder später online sein werden.

Gibt es eine digitale Zweiklassen-Gesellschaft – die nordafrikanischen Länder und die Subsahara-Staaten?

Ja, auf jeden Fall. Nordafrika liegt innerhalb Afrikas vorn, was den Zugang zum Internet angeht, allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den nordafrikanischen Ländern. Im französischsprachigen Westafrika gehen die Menschen vor allem über Internet-Cafés ins Netz, aber das ist teuer. Die Kluft zwischen Städten und ländlichen Gebieten, wo es keine Elektrizität und – wenn überhaupt – nur eine sehr langsame Internetverbindung gibt, ist groß.

Welche Rolle spielen Soziale Medien in Ländern südlich der Sahara?

In Ländern Subsahara-Afrikas wird Twitter von einer Elite von Technophilen genutzt, die in der Hauptstadt oder in der Diaspora im Ausland leben. Sie suchen nach Neuigkeiten über ihr Heimatland oder kommentieren das politische Leben in ihrem Land. Facebook ist ein Magnet mit großen Zuwachsraten – angesichts der verfügbaren Infrastruktur. Facebook ist oft der erste Kontakt, den afrikanische Internetnutzer mit Sozialen Netzwerken haben, und sie lieben es.

Soziale Medien sind derzeit in der Öffentlichkeit stark präsent. Gibt es auch negative Aspekte der „Social Media“-Nutzung in afrikanischen Ländern und. wenn ja, welche?

Wir haben in Nordafrika und im Mittleren Osten gesehen, dass Soziale Medien den Menschen dabei geholfen haben, sich zu versammeln und sich zu organisieren. Aber im Fall der Elfenbeinküste waren Soziale Netze damals Boten von Hass, ethnischen Konflikten und schlimmerem. Twitter und Facebook waren die Schlachtfelder für Anhänger und Gegner von Präsident Ouattara, zum Beispiel während des Konflikts im Winter und im Frühling. Auf der anderen Seite war Twitter auch der Ort, um zu helfen und Hilfe zu organisieren für die Opfer des Konflikts in Abidjan – über das Hashtag #civsocial. Im Moment ist Twitter DER Ort für die Oppositionellen in Senegal, die derzeit Präsident Wade herausfordern. Sogar in Burkina Faso, wo die Zahl der Internetnutzer sehr niedrig ist, haben sich die Menschen dem Internet und den Facebook-Accounts der Opposition zugewandt, um Neuigkeiten über den jüngsten Aufruhr zwischen Regierung und meuternden Soldaten zu bekommen.

Wie wichtig sind SMS für Bürger wie Regierungen?

SMS sind entscheidend für afrikanische Bürger, um günstig kommunizieren zu können. Aber jetzt werden SMS auch für Regierungen wichtig. Diese sind sich der Macht der Kurzmitteilungen in Wahlkampfzeiten oder in angespannten Situationen bewusst und versuchen, diese für Propagandazwecke einzusetzen oder den Service der Telefonanbieter zeitweise abzustellen, wie es in Ägypten am Tahrir-Platz der Fall war. Das ist die nächste Hürde für die Meinungsfreiheit: Wenn Kommunikation via SMS von großen Telekommunikationsanbietern abhängig ist, an denen eine Regierung der Mehrheits-Eigner ist, oder die sogar der Staat besitzt, sind Autoritäten versucht, die Kommunikation im Konfliktfall zu unterbinden.

Datum

Donnerstag 07.07.2011 | 15:08

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