More DW Blogs DW.DE

Weltzeit-Blog

Medien international

Kathrin Reinhardt | Medien international

Ägypten: Ein authentisches Bild und ein „Testament“

„Journalismus in Krisenzeiten“ – so der Titel eines Beitrags im „heute journal“ des ZDF am 4. Februar. Vorgestellt wurde die aktuelle Arbeit der Arabisch-Redaktion von DW-TV in Berlin. Ein Team im Ausnahmezustand. Fragen an Redaktionsleiter Mustafa Isaid.

 

Mustafa Isaid, Leiter der Arabisch-Redaktion von DW-TVWie hat sich DW-TV/Arabisch auf die besondere Situation im Programm eingestellt ?

Die „Revolte einer Generation“, wie wir diese Bewegung nennen, ist konkurrenzlos unser Topthema. An manchen Tagen haben wir die Live-Sendefläche verdoppelt, mehrfach ein einstündiges „Journal-Spezial“ gefahren anstelle des üblichen halbstündigen Journals. Hinzu kommen zusätzliche Sendungen des Talkformats „Quadriga“. So können wir im „Tagesthema“ die Analyse der Nachrichten aus Kairo vertiefen. Was uns im Sendegebiet von den Mitbewerbern hervorhebt: Bei uns werden unterschiedliche Sichtweisen aus dem Land selbst präsentiert. Dazu kommen viele arabischsprachige deutsche Experten zu Wort. So können wir auf authentische Weise eine deutsche Sicht vermitteln. Das ergänzen wir mit Schalten zu unseren Studios in Moskau, Brüssel und Washington.

Auf welche Bilder können Sie zurückgreifen?

Nicht nur auf Agenturenbilder. Uns kommt zugute, dass wir seit zwei Jahren Videojournalisten (VJs) schulen – in Ägypten, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Sudan und Jemen. Diese Kollegen versorgen uns jetzt mit spezifischen Geschichten, beispielsweise über Frauen auf dem Tahrir-Platz. Sie porträtieren beteiligte Jugendliche, Bürgerkomitees in den Stadtvierteln und holen unzählige Stimmen zu den sich überschlagenden Ereignissen ein. Auch hier geht es um ein möglichst authentisches und somit glaubwürdiges Bild – aus erster Hand.

Ist das DW-Team näher zusammengerückt?

Das gesamte Team – ob Redakteure, Moderatoren, Autoren, Producer oder Grafiker – sie alle sind im Dauereinsatz und höchst motiviert. Wir nutzen viele Synergien, arbeiten eng zusammen. Zum einen profitiert die Arabisch-Redaktion bei dieser großen Aufgabe von den sehr guten Leistungen unserer Kollegen im deutschen Journal. Im Gegenzug profitieren andere Redaktionen von den Drehs unserer VJs vor Ort. Und wir reichen unsere Interviewpartner weiter. Auch die Zusammenarbeit und Koordination mit der arabischen Radio- und Onlineredaktion und ihrem Leiter Rainer Sollich in Bonn läuft gut. Eine Reihe unserer Kolleginnen und Kollegen stammt aus Ägypten – sie und andere geben Ihre Einschätzungen nicht nur im deutschen und englischen Angebot der DW. Die Expertise unserer Mitarbeiter ist in diesen Tagen auch bei zahlreichen Inlandsmedien gefragt: vom Bayerischen Rundfunk beispielsweise, von DeutschlandRadio und vom ZDF.

Welche Rolle spielt DW-TV/Arabisch in dieser Situation vor Ort?

In der angeheizten Stimmung in Ägypten und in einer Art Medienkrieg zwischen den Fronten hat die Deutsche Welle, mit ihrer eigenen Mischung aus Berichten, die die Wünsche der Jugend hautnah transportieren, und sachlicher Analyse der Situation ohne Scheuklappen eine gute Position. Unsere Kontakte in das Sendegebiet bestätigen uns dies. Viele Zuschauer zollen uns „höchsten Respekt“, wie sie schreiben. Diese Krise und die Berichterstattung der DW insgesamt zeigen, dass wir auch in Zukunft eine positive Rolle spielen können – wenn wir die erforderlichen Ressourcen haben.
Wie frei können die klassischen ägyptischen Medien derzeit arbeiten – wenn überhaupt?
Die klassischen ägyptischen Medien haben zu Beginn der Proteste mehrheitlich ihren Kopf in den Sand gesteckt. Dann schwenkten sie um zu einem „väterlichen Verständnis unserer Jugend“, wie sie es nannten. Auch wenn sie sich jetzt – mit einiger Verspätung – öffnen, so bleiben sie doch weit entfernt von den Realitäten der Straße. Im Gegensatz dazu haben einige unabhängige Zeitungen wie „Almessry el-Youm“ wahrhaftiger berichtet.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem staatlichen Sender ERTU und anderen Partnern in Ägypten?

Im Dezember hatten wir die vorläufig letzte Produktion unseres gemeinsamen Projekts „Jugend ohne Grenzen“. Die Zusammenarbeit mit ERTU beschränkte sich auf diese einzigartige und sehr erfolgreiche Talkshow mit Jugendlichen aus Deutschland und Ägypten, sie betraf nicht die politische Berichterstattung beider Sender. Ein weiterer Partner in Kairo ist das Sawy-Center für Jugendkultur. Wir haben den Gründer und Leiter des Senders, Mohamed Sawy, als Gesprächspartner für unsere Sendung gewonnen, um mehr über die Situation der Jugend zu erfahren und über die Natur dieses Jugendprotestes. Unsere Partner sind zum Glück alle wohlauf.

Gibt es derzeit gesicherte Informationen über ägyptische DW-Korrespondenten?

Unsere Korrespondenten sind alle Ägypter, beherrschen die Sprache und kennen in Kairo Um- und Fluchtwege. Dies ist für ihre Arbeit ungemein hilfreich. Dennoch wurden sie durch Kontrollen der Sicherheitsapparate und etlichen Befragungen behindert. Dagegen haben sie wirksame Strategien entwickelt: Ein Kollege drehte so viel er konnte vor der Ausgangssperre, editierte das reichhaltige Material nachts und schickte es uns via Internet – soweit es funktionierte. Ein anderer Kollege hat kurzerhand sein Quartier beim Satelliten-Uplink-Provider aufgeschlagen, eingedeckt mit genügend Lebensmitteln. So stand er uns ununterbrochen als Interviewpartner zur Verfügung und war außerhalb der Gefahrenzone.

Derlei Einfallsreichtum gilt auch für unsere Korrespondenten in anderen arabischen Ländern. Unsere VJ-Korrespondentin in Tunesien liefert ständig gutes Material und zeigt viel Mut. Als die Lage besonders prekär war, zeichnete sie gemeinsam mit drei weiteren Fernsehkorrespondenten eine Art „Journalistisches Testament“ auf. Darin bekräftigten sie, dass ihnen die Pressefreiheit alles bedeute und dass sie nichts scheuen würden auf dem Weg zu einer freieren Gesellschaft. Auch unsere Korrespondenten in Marokko und Algerien sind nah dran an den Entwicklungen in ihren Ländern. Mein Stellvertreter Mohamed Ibrahim und ich sind bei schwierigen Situationen für die Kollegen immer erreichbar.

Die Arbeit unserer Kollegen vor Ort ist gekennzeichnet von faszinierender Leidenschaft und dem unbedingten Willen, den Balanceakt zwischen emotionaler Betroffenheit und sachlicher Berichterstattung professionell zu meistern. Hut ab!
 

Datum

Mittwoch 09.02.2011 | 14:28

Teilen

Noch keine Kommentare.

Hinterlasse einen Kommentar