21.10.2009  
     
 
Die letzte Yamana
 
  Cristina Calderon ist über achtzig. Wenn sie eines Tages nicht mehr lebt, wird das Volk der Yamana, die sechstausend Jahre lang die Inselwelt von Feuerland bewohnten, endgültig ausgestorben sein.

Vom argentinischen Ushuaia fahren wir mit dem Boot durch den Beagle-Kanal zur Insel Navarino, wo Christina Calderon in einer kleinen Holzhütte wohnt. Bei der Überfahrt muss ich an die Geschichten des chilenischen Schriftstellers Francisco Coloane denken, von turmhohen Wellen, die vom Wind, der hier zwischen den Bergen gefangen ist, emporgehoben werden. Oder die Geschichte von einem Jäger, der auf einem der Gletscher verunglückt, und später tiefgefroren in einem Eisberg durch den Kanal treibt und die Seeleute erschrickt.
Es ist nicht mehr weit zum Kap Horn, wo Atlantik und Pazifik aufeinanderprallen. Wir haben glücklicherweise einen ruhigen Tag erwischt. Seelöwen und Kormorane, ein Albatros gleitet über die Wellen.




Cristina Calderon empfängt uns freundlich. Eine arme alte Frau, die oft nicht genug hat, um Brennholz für ihren Ofen zu kaufen, und die die grosse Last trägt, die letzte zu sein, die die Lieder und Geschichten ihres Volkes kennt.




Der deutsche Missionar und Ethnologe Martin Gusinde hat Anfang des 20. Jahrhunderts bei den Yamana gelebt und ihre Kultur erforscht. Schon damals lebte nur noch eine kleine Gruppe. Der Kontakt mit den Europäern war für die Feuerland-Indianer tödlich. Vor allem durch Krankheiten starben die meisten innerhalb weniger Jahrzehnte.




Heute erinnert ein Museum in dem chilenischen Marinestützpunkt Puerto Williams an die Yamana. Es trägt den Namen des deutschen Missionars Gusinde und ist eines der größten Gebäude am Ort, viel größer und schöner als die armseligen Hütten der Yamana-Mischlinge die unweit vom Hafen in einer kleinen Siedlung leben. Noch ist Cristina Calderon am Leben, aber ihre Kultur ist schon ins Museum verbannt. Es soll Touristen anziehen. Vor einigen Jahren ist Cristinas Schwester gestorben. Mit ihr konnte sie sich noch in der Yamana-Sprache unterhalten. Nun hat sie zwar noch die Sprache, aber niemanden mehr zum sprechen.
 
 
 
Matthias Kopp 21.10.2009, 03:14 # 1 Kommentar
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  Dieser Hut hast Du immer noch an ...  
  Springkatze | Homepage | E-Mail | 22.10.2009, 19:46  
 
 
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