05.10.2009  
     
 
Eine Stadt der Widersprüche
 
  Im Dezember finden in Bolivien allgemeine Wahlen statt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes werden alle Wähler in elektronischen Registern erfasst. Die Opposition wittert dabei Betrug und Manipulation durch die sozialistische Regierung von Präsident Evo Morales. Die offizielle Version lautet, dass auf diese Weise zum ersten Mal alle Wahlberechtigten auch tatsächlich ihr demokratisches Recht werden ausüben können. Das betrifft vor allem viele Analphabeten auf dem Land, die bislang von Wahlen ausgeschlossen waren.

Jetzt wird aber andersrum ein Schuh draus. In Bolivien herrscht nämlich Wahlpflicht. Die Pflichterfüllung wird jedem Bürger schriftlich bestätigt – und ohne diese Bescheinigung kann man später keine Bankgeschäfte tätigen, keine Rente beziehen, etc.

Der Wahlkampf wird gerne, laut und raumgreifend auf der Straße ausgetragen. Unter lautem Jubel und auf den Schultern seiner Anhänger wird René Joaquino aus dem Parlament und dann durch die Straßen getragen. Joaquino, der ehemalige Bürgermeister von Potosí, ist indigener Abstammung, wie Präsident Evo Morales. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, wie Präsident Evo Morales. Und er kandidiert bei den Wahlen im Dezember für das Amt des Staatspräsidenten, gegen Präsident Evo Morales.




Der Triumphzug von Joaquino ruft umgehend die Regierungsanhänger auf den Plan, die sich lautstark an einer Ecke der Plaza Murillo Gehör verschaffen – bis Joaquino aus dem Blickfeld verschwindet.




Nächster Akt: Auftritt des Außenministers.




Kaum hat David Choquehuanca das Regierungsgebäude verlassen, wird er von Journalisten, Fernsehkameras und Mikrofonen umringt und von Fragen bestürmt, auf die er mit so leiser Stimme antwortet, dass man seinen Aussagen erst hinterher versteht, wenn man sich die Aufnahme anhört: der Regierung gehe es um die Einheit der Nation, um den Fortschritt, um die Rückerlangung der nationalen Souveränität über die Rohstoffe, Bolivien sei eigentlich ein reiches Land…. Vieles davon haben wir schon in den zurückliegenden Tagen gehört.

Am Nachmittag – Termin bei Beatriz Canedo Patiño, der renommiertesten Modeschöpferin Boliviens.




Sie verarbeitet nur hochwertigste Alpaca-Wolle zu noch hochwertigeren und edlen Kleidungsstücken für zahlungskräftige Kundschaft aus dem In- und Ausland.

Vor der Kamera erleben wir eine charmente Dame von Welt, die über das harte Modebusiness, über edle Stoffe und über ihre bolivianische Identität in fließendem Englisch parliert.

Nach dem Dreh legt sich ihre Stirn in Sorgenfalten – Bolivien sei in die falschen Hände geraten und wenn sich nach den Wahlen im Dezember nichts ändert, dann werde sie sich überlegen müssen, wie lange sie noch in Bolivien arbeiten kann. Ihre Definition von Reichtum, Souveränität und Fortschritt deckt sich eindeutig nicht mit der der Regierung.
 
 
 
Mirjam Gehrke 05.10.2009, 23:27 # 1 Kommentar
 
 
     
1 Kommentar

  Ich beglückwünsche das bolivianische Volk zu seinen Siegen und wünsche weitere Erfolge.
Dass das auch Buschs Soldaten zu verdanken ist, hörte ich jetzt zum 2. Mal, und zwar aus berufenem Munde des Jean Ziegler: die sind ja gerade in Afghanistan unabkömmlich ...

Die blöde Technik hat meinen halben Text zu La Paz und Earth Hour verschluckt!
 
  Ursel Galle | Homepage | 29.03.2010, 20:05  
 
 
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