26.10.2009  
     
 
Weiss-blaues Wunder
 
  Gletscher sind Lebewesen aus einer anderen Zeit. Das wird uns sofort deutlich, als der Perito Moreno vor uns auftaucht. Gemächlich schiebt er seine gewaltigen Eiszacken aus den Anden herab in die Patagonische Steppe, ächzend, manchmal brüllend, wenn grosse Stücke abbrechen, mit Donnern die Schluchten der Gletscherspalten hinab in die Flüsse unter dem Eis stürzen.




Schliesslich bleibt er als hundert Meter hohe Wand im Lago Argentino stehen, schillernd in tausend Schattierungen von transparent-weissem Licht über Türkis bis zu tiefstem Höhlenblau. Abgebrochene Gletscherstücke, von der Sonne glattgeleckt zu organischen Skulpturen, schieben als Eisberge einen langsamen Tango über den See.




Während die patagonischen Gletscher aussterben wie die Dinosaurier, wächst der Perito Moreno munter weiter, ein Phänomen, das die Gletscherexperten noch nicht völlig geklärt haben. Weltweit sind die Gletscher aufgrund der weltweiten Klimaerwärmung in den letzten zwanzig Jahren so schnell dahingeschmolzen wie nie zuvor. In den Anden schürfen internationale Minenkonzerne nach Gold. Der aufgewirbelte Staub legt sich auf die Gletscher, die dann nicht mehr weiss sondern schwarz sind, mehr Sonnenlicht absorbieren und noch schneller schmelzen. Jorge Rabassa, Glaciarologe, beklagt, dass die argentinische Links-Regierung von Cristina Fernandez Kirchner auf Druck der Konzerene ein Gesetz verhindert habe, das die Emissionen reduzieren und damit den Gletschern eine grössere Überlebenschance einräumen sollte. Da sieht man dass die vor zweihundert Jahren erkämpfte Unabhängigkeit angesichts der Kräfte der Globalisierung nur ein relativer Wert ist.





Nur der Perito Moreno widersetzt sich dem Trend des Gletschersterbens. Jorge Rabassa nennt als mögliche Erklärung seismische Bewegungen. Permanente kleinere und größere Erdbeben rütteln das Eis aus den Anden hinab, während eine von polaren Luftströmen tiefgekühlte feuchte Meeresluft für immer neue Schneemassen sorgt, die zu Gletschereis komprimieren.

Wir verabschieden uns vom Perito Moreno und stoßen an auf seine Gesundheit, mit dem obligatorischen Whisky, gekühlt von einem Stück jahrtausendealtem Gletschereis.



 
 
 
Matthias Kopp 26.10.2009, 01:45 # 0 Kommentare
 
 
     
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