08.07.2010  
     
 
Für das, was übrigbleibt: Die Müll-Männer der WM
 
  Walter ist für das da, was übrigbleibt. Was die Fans hinterlassen, wenn sie gehen. Manche drücken ihm den Müll in die Hand, manche suchen gewissenhaft die richtige Tonne in dem Multirecycling-System, das sich die Organisatoren der WM ausgedacht haben. Walter ist Müllmann, speziell für die WM.




Walter liebt seinen Job. "Das ist sinnvoll, was wir tun", sagt er. "Wir schützen die Natur." Und er deutet auf die Tonnenbatterie hinter ihm. "Wet waste" steht dort, daneben "paper", "plastics", "tin cans". Die ganze Palette des europäischen Recycling-Gedankens. Über die sich hier in Südafrika vor der WM eigentlich niemand so wirklich Gedanken gemacht hatte. Kaum ein Haushalt in Südafrika trennt den Müll. Manche Südafrikaner erklären stolz, dass sie das Papier extra aufheben. Das ist ein großer Schritt.




Sortiert wird trotzdem, später, auf der Mülldeponie: Hunderte Hände verlesen den Müll, schaffen Berge von Plastikflaschen und Getränkedosen. Wichtige Arbeitsplätze in diesem Land mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit. Was dann mit dem Müll passiert, weiß niemand so genau. Händler holen sich ab, was sie gebrauchen können.

500 Extra-Tonnen Müll während der WM - damit rechnet allein die Stadt Johannesburg. Schon das Eröffnungsspiel verursachte 90 Tonnen Müll. Der Großteil davon landet auf einer der riesigen Deponien der Stadt, über denen Tag und Nacht die Möwen kreisen. Am Horizont erkennt man die Skyline von Johannesburg.

Walter fährt einmal am Tag hierhin, um seine schwere Fracht abzuladen. Den Rest des Tages - und oftmals der Nacht - ist er an den Stadien unterwegs. Er kennt die großen Johannesburger Fußballarenen, "Soccer City"-Stadion und Ellis Park, in- und auswendig. Morgens in aller Frühe bringen er und seine Kollegen die Mülltonnen. Umkreisen mit ihren LKW das Stadion-Gelände, laden die leeren Tonnen mit lautem Geklapper ab. "Immer fünf in eine Reihe. So ist gut."




Fast ein bisschen liebevoll rückt Walter seine Tonnen zurecht. Entfaltet den ersten der gigantischen blauen Plastiksäcke, legt ihn hinein, streicht sorgsam den Rand glatt. Das hat noch keiner der Fans bemerkt. Sein Kollege bringt den Deckel mit den Beschriftungen. Wet waste, paper, plastics...

Ob sein Job ihn manchmal ekelt, später, wenn die Säcke voll sind und stinken? Walter zuckt mit den Schultern. "Ich habe bei dieser WM eine Aufgabe. Ich bin stolz darauf, dass ich etwas dazu beitragen kann. Andere sagen, was quälst du dich, was räumst du den Dreck der Fans weg? Ich sage, dass ich es gerne mache. Weil ich etwas dazu beitrage, dass es eine gute WM ist." Leise fügt er hinzu: "Und weil meine Kinder dann etwas zu essen haben." Walter hat keine Arbeit, eigentlich, wenn nicht gerade WM ist. Sein Arbeitsvertrag als Müllmann hat am 11. Juni begonnen und endet am 11. Juli. In wenigen Tagen gehören Walter und 400 seiner Kollegen wieder zu dem Heer von Arbeitslosen, mit denen Südafrika jeden Tag klarkommen muss - und es nicht schafft. Deswegen war die WM für Walter eine gute Zeit.




Sicher, manchmal kommen die Zweifel. Wenn er abends um 11 immer noch draußen vor dem Stadion stehen muss, neben seinen Mülltonnen. Wenn er den betrunkenen Fans zum hundertsten Mal die richtige Öffnung für ihre Bierflaschen zeigt. Wenn er an den Jubelschreien hinter der Absperrung erkennt, dass wieder ein Tor gefallen ist - nur für wen, weiß er nicht. Er würde schon gerne zuschauen. Einmal im Stadion sitzen dürfen, das ist sein Traum. Seine arbeitslosen Nachbarn machen sich über ihn lustig. "Du stinkst", sagen sie. "Du wühlst im Dreck der Ausländer."

Seine arbeitslosen Nachbarn können auch das Spiel gucken, in Fernseher. Walter stellt manchmal heimlich sein kleines Radio an, während der Arbeit, neben dem Stadion. Dann setzt er es auf eine der überquellenden Tonnen und sucht den richtigen Sender. Eigentlich darf er das nicht, sagt sein Chef. Er habe schließlich eine Aufgabe.




Bald ist es dann vorbei. Für die Fans, für Südafrika, für Walter. Was dann kommt, weiß er nicht. Seine beiden kleinen Kinder hat er einen Monat lang nur schlafend gesehen, so spät, wie er nach Hause kommt, so früh, wie er wieder anfängt. Aber sie hatten genug zu essen zu Hause, im WM-Monat. Das zählt. Irgendwann sollen seine Kinder auf eine gute Schule gehen können, hofft Walter. Vielleicht sogar auf die Universität. Da war er auch mal, für zwei Semester. Er wollte Informatiker werden, er war der beste in der Schule. Aber dann ging seinen Eltern das Geld aus, und er musste arbeiten gehen. Später verlor er seine Arbeit und hatte erst recht kein Geld mehr. Seitdem hangelt er sich von Hilfsjob zu Hilfsjob.

Manchmal macht es ihn wütend, wenn er an die Milliarden denkt, die Südafrika der Bau der Fußballstadien gekostet hat. Und wenn er sich in seinem Viertel umschaut, in dem kaum jemand genug zum Leben hat. "Aber ich darf nicht wütend sein", sagt er dann. "Ich habe ja von der WM profitiert."




Wenn am Sonntag die Fans zum Endspiel ins "Soccer City"-Stadion strömen, werden sie den kleinen Mann im orangenen Overall vermutlich kaum bemerken. Dann steht er wieder da, zwischen seinen Tonnen, und dirigiert zum letzten Mal den Müll. Walters größter Wunsch? Müllmann auf Lebenszeit! Er strahlt. "Vielleicht habe ich hier ja zeigen können, dass ich ein guter Müllmann bin. Vielleicht übernehmen sie mich ja." Sein Chef lächelt. "Ach, Walter", sagt er. Und klopft ihm tröstend auf die Schulter.
 
 
 
Anna Kuhn-Osius 08.07.2010, 22:52 # 1 Kommentar
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  08.07.2010  
     
 
Fußball als Chance
 
  Fußballfest in Hillbrow, einem Problemstadtteil von Johannesburg. "Schoscholza", singen die Mädchen und Jungen im Chor - ihr Lieblings-Fußballlied zur Weltmeisterschaft. Eine Gruppe Teenager begleitet den Chor auf Trommeln. Sie stehen auf einem neuen, leuchtend grünen Kunstrasenplatz - mitten in Hillbrow.




Nebenan wurde vor kurzem ein Spielplatz eröffnet. Die angrenzenden Hochhäuser sind neu gestrichen, der Bürgersteig sauber gekehrt. Patricia erkennt ihre Gegend kaum wieder: "Dieser Platz hier war vorher eine Müllhalde, auf der Leute illegale Geschäfte betrieben haben. Es ist unglaublich, wie sehr sich Hillbrow verändert hat."




Jahrzehntelang war Hillbrow berühmt-berüchtigt: An Silvester war es traurige Tradition, dass die Leute Kühlschränke und Automotoren von ihren Balkonen auf die Straße warfen. Mehrere Menschen starben jedes Jahr bei den Ausschreitungen, tagelang herrschten im Viertel kriegsähnliche Zustände. Die weltweite negative Berichterstattung weckte die Behörden: Hillbrow wurde zum Johannesburger Entwicklungsziel Nummer eins vor der Weltmeisterschaft.

Vor allem waren es aber die Bewohner, die die Sache selbst in die Hand nahmen: "Wir Anwohner haben uns zusammengesetzt und überlegt, wie wir Hillbrow sicherer und lebenswerter machen können", erzählt Patricia, die von Anfang an bei dem Projekt beteiligt war. "Man konnte sich in Hillbrow nicht mehr auf die Straße trauen, ohne überfallen zu werden. Das sollte sich ändern."




Sicherheitskräfte wurden eingestellt, eine Straßenreinigung aktiviert. Die Stadt Johannesburg half, die Gebäude zu sanieren. Und schließlich entstand für die Kinder des Viertels dieser Fußballplatz - damit die Kinder etwas zu tun haben und nicht auf dumme Gedanken kommen.

Denn eine heile Welt ist Hillbrow noch lange nicht. "Kinder, die hier aufwachsen, sind täglich mit Gewalt, Kriminalität und Drogenmissbrauch konfrontiert", sagt Fußballtrainer Timothy. Er kommt selbst aus Hillbrow. "Für die Kinder hier sind Verbrechen normal. Aber seit wir mit dem Fußballprojekt angefangen haben, ist die Kriminalitätsrate tatsächlich zurückgegangen. Den Kindern ist jetzt Fußball einfach wichtiger als das, was sich auf der Straße abspielt."




Mehr als 50 Kinder hat Timothy täglich auf dem Platz, trainiert sie ehrenamtlich. "Am Anfang war es das reine Chaos", sagt er. Aber mittlerweile seien die Kinder diszipliniert: "Sie wollen etwas lernen, sind dankbar, dass sich jemand um sie kümmert."

Auf dem Fußballplatz wird fast rund um die Uhr gespielt. Für viele hier ist Fußball der wichtigste Sinn ihres Lebens. Auch der 16-jährige Calvin kommt aus einer Problemfamilie. Er ist jeden Tag auf dem Platz. "Fußballspielen hält dich davon ab, Blödsinn zu machen", sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Seine Mannschaft hat gerade 2:0 gewonnen. "Wenn du Sport machst, rauchst und trinkst du nicht, dass macht ein Sportler nicht. Immer trainieren, Fußball-Turniere, Gymnastik: Fußball lehrt dich Disziplin und Respekt. Das bringt unser Trainer uns bei: Wir respektieren uns gegenseitig statt uns zu schlagen."





Die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) fördert das Projekt, bildet die Trainer aus. Denn hier geht es nicht nur um sinnvolle Freizeitbeschäftigung: Durch den Fußball werden außerdem Themen wie Respekt, Gleichberechtigung und Aids-Prävention spielerisch vermittelt.

So sollen die Jungen und Mädchen aus Hillbrow fit gemacht werden - fürs Leben außerhalb des Platzes. Trainer Timothy weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, hier aufzuwachsen, keine Chance zu bekommen. Man muss die Sache selbst in die Hand nehmen, sagt er: "Das Projekt hat auch mich verändert. Es macht mich stolz, dass ich den Kindern etwas vermitteln kann - etwas, das ich selbst damals in Hillbrow nicht hatte, kann ich ihnen jetzt geben. Ich lehne mich nicht zurück und warte, dass andere etwas für dieses Viertel tun - ich tue es!"

Manche haben es bereits geschafft: Raus aus Hillbrow, an die Universitäten, in gut bezahlte Jobs, sogar in den Profi-Fußball. Davon träumen die Jungs hier auf dem Platz. Calvin trainiert hart für seine Profikarriere. Denn eines steht für den Teenager fest: "Wir sind das nächste Bafana-Bafana-Team!" Die nächste Generation der südafrikanischen Nationalmannschaft kommt mit Sicherheit aus Hillbrow.


 
 
 
Anna Kuhn-Osius 08.07.2010, 11:24 # 0 Kommentare
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