09.07.2010  
     
 
Aktion saubere Stadt: Wie Südafrika gegen Straßenkinder vorging
 
  Damit die Touristen keinen schlechten Eindruck bekommen, haben die südafrikanischen Behörden vor der WM hunderte Straßenkindern und Bettler eingesammelt und in Heimen untergebracht. Viele sind jetzt wieder zurück auf der Straße. Für manche aber war die Aktion ein Glücksfall.

Nqobile landete mit 13 auf der Straße. Seine Stiefmutter misshandelte ihn schwer, irgendwann floh der Junge aus dem Haus und kam nicht mehr zurück. Drei Jahre lang lebte er in der Welt der völlig Rechtlosen, stahl sich sein Essen zusammen, bettelte, hungerte. Hin und wieder gab es in der Suppenküche für Obdachlose eine Mahlzeit, "nicht gut, aber wenigstens heiß", sagt er und grinst.




Dann kam die Weltmeisterschaft. "Auf einmal kamen Männer und nahmen uns mit. Sie sagten, wir dürften jetzt nicht mehr auf der Straße leben. Es sei ja bald die Weltmeisterschaft. Da würden wir nur stören." Die Stadt Johannesburg verfrachtete Nqobile mit hunderten anderen Kindern in ein Auffanglager für Straßenkinder. "Concentration Camps" nennen es die Kinder. Von dort aus wurden sie aufgeteilt, jedes Kind in ein anderes Heim.

Nqobile hatte Glück. Der scheue 16-Jährige kam zu Pater Laszlo. Der ungarische Missionar kümmert sich seit sieben Jahren um Straßenkinder in Südafrika, leitet ein Wohnheim, beschäftigt mehrere Streetworker. Doch durch die "Aufräum-Aktion" der südafrikanischen Behörden wurden mit einem Schlag viel mehr Straßenkinder in sein Heim geschwemmt als eigentlich finanzierbar wären.

"Der Stadt Johannesburg geht es nicht um die Kinder", kritisiert Pater Laszlo. "Es ging darum, den WM-Touristen ein makelloses Bild von Südafrika zu bieten. Da störten arme Menschen - und sie mussten weg. Kosten aber sollte das alles nach Möglichkeit gar nichts. Es gibt keinen Plan, kein Konzept, keinen sozialpolitischen Gedanken hinter dieser Aktion. Die Unterbringung der Kinder finanzieren dürfen dann die internationalen Entwicklungshilfe-Organisationen." Milliarden habe Südafrika ausgegeben, um die teuren Fußballstadien zu bauen. Für die Straßenkinder aber gebe es kein Budget, so der Pater.




Die Folgen dieser Politik sind sichtbar, an jeder Straßenecke: Je weiter die WM fortschreitet, desto mehr erscheinen Bettler, Straßenkinder, Obdachlose wieder auf der Bildfläche. Ohne Budget und Kapazitäten, öffnen viele Heime ihre Tore und lassen ihre Gäste zurück auf die Straße.

Vielen Obdachlosen war der Zwangsaufenthalt im Heim sowieso verhasst. Auch aus Pater Laszlos Heim laufen einige Kinder immer wieder davon. "Man kann sie nicht zwingen, auf einmal in einem Heim zu leben", sagt der Pater. "Die Jungen müssen innerlich bereit dazu sein, der Straße den Rücken zukehren. Das ist ein langer Prozess."

Betreuer Andres drückt es noch drastischer aus: Von hundert obdachlosen Kindern würden es gerade mal fünf schaffen, dauerhaft der Straße zu entkommen. Zu groß das Trauma, zu widrig die Umstände. "Die Neuankömmlinge sind im Geist immer noch auf der Straße", sagt Andres. "Sie müssen ganz langsam wieder lernen, jemandem zu vertrauen, nicht zu stehlen, nicht Gewalt anzuwenden. Was diese Kinder erlebt haben, können wir uns oft gar nicht vorstellen. Sie brauchen Zeit."




Auch dem 15-jährigen Piwe fiel es anfangs schwer, sich an das Heimleben zu gewöhnen. Seit einem Monat ist der schmächtige Junge jetzt hier, anfangs war er immer allein. "Mein Freund ist sofort abgehauen, er will weiter auf der Straße leben", erzählt er. "Wir haben den ganzen Tag zusammen Kleber geschnüffelt. Wenn wir Geld hatten, ist es für neuen Kleber draufgegangen. Zu essen hatten wir eigentlich nie genug. Und oft ist die Polizei gekommen und hat uns verprügelt."

Ähnliches berichten auch die Obdachlosen in einer Johannesburger Suppenküche: Regelmäßige gewaltsame Übergriffe von der Polizei, Schläge, Abtransport in irgendwelche Heime, freigelassen durch die Hintertür und die Prozedur ging von neuem los. "Wir haben halt gestört", sagt Piwe und zuckt mit den Schultern. "Die Touristen von der Weltmeisterschaft sollten uns nicht sehen. Deswegen sind wir hier."

Trotzdem: Piwe und Nqobile werden bleiben, auch nach der WM. Schule mache ihnen Spaß, sagen sie. Sie wollen etwas lernen, weg vom Kleberschnüffeln. Nqobiles größter Wunsch ist es, eines Tages Pilot zu werden. "In meinen Träumen fliege ich jede Nacht", sagt er und blickt hinunter auf die Straße. Dahin will er nicht mehr zurück.
 
 
 
Anna Kuhn-Osius 09.07.2010, 19:51 # 0 Kommentare
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