06.07.2010  
     
 
Immigranten in Südafrika: Angst vor dem Hass
 
  Sie wurden gejagt, vertrieben, ermordet: Tausende Immigranten litten vor zwei Jahren unter der gewaltsamen Ausländerfeindlichkeit in Südafrika. In Johannesburg hatten sie nur wenige Orte, an denen sie sich sicher fühlten. Zum Beispiel das Gemeindehaus der Methodisten-Kirche in Downtown Johannesburg. Noch immer leben heute mehr als 1500 Immigranten dort - unter katastrophalen Zuständen.

Der Geruch ist das erste. Diese Mischung aus Urin und Schweiß, die einen Moment lang den Atem raubt. Eine Wanze krabbelt die Wand hoch. Emily schiebt einen Vorhang aus alten Handtüchern zur Seite. Sie ist zu Hause.




Als sie vor drei Jahren mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn von Simbabwe nach Südafrika kam, hatte die Familie nichts. "Jetzt habe ich wenigstens das hier", sagt sie. "Das hier" sind zwei Quadratmeter für vier Menschen. Notdürftig abgetrennt mit Laken, Tüchern und aufgehäufter Kleidung.

13 Familien leben in einem Raum, jede hat sich mit Kistenstapeln und Decken einen winzigen Privatraum geschaffen – soweit man das privat nennen kann.




Zwei Quadratmeter Leben. Vor zwei Jahren hat Emily hier ihre Tochter geboren. Auf zwei Quadratmetern schläft die Familie, kocht Emily, reinigt sie notdürftig sich, die Kinder, die Kleidung.




Duschen gibt es keine. Nur ein tropfendes Waschbecken in der einen Toilette, die sie sich mit 1500 anderen Menschen teilt. "Wir waschen uns in der Toilette", sagt sie. Nachts müssen sie eng zusammenrücken, damit die vier Menschen überhaupt Platz finden zum Schlafen. Ist einer krank, sind alle krank.




Emilys ganzer Stolz ist ein Bügeleisen. Das hat sie günstig auftreiben können. Auch wenn sie keinen Platz hat, um zu bügeln. Und keinen Ort, um ihre Wäsche zu waschen. Während sie Essen auf der kleinen Kochplatte kocht, hat das Paar nebenan Sex. Getrennt durch einen Vorhang. Während sie versucht, ihre Kinder zum Schlafen zu bringen, feiern die Männer nebenan die Fußball-WM. "Du lebst hier, ohne nachzudenken", sagt sie. "Hier hörst du auf zu träumen." Emily ist 24.




Warum ist sie gekommen? "Weil es in Simbabwe noch weniger Zukunft gab als hier", sagt Emily. Sie hatten Hoffnung auf einen Beruf, auf Bildung für ihre Kinder, vielleicht mal ein eigenes Haus. Jetzt sind sie hier.

Ihr Mann hat einen Fernseher in die kleine Zelle gequetscht. Er ist arbeitslos, liegt meistens auf der Matratze und schaut fern. Ein diplomierter Ingenieur ohne Pass, wertlos. Der Nachbar ist Informatiker. Ein anderer ist Lehrer. Aber ohne Pass kann niemand von ihnen in Südafrika arbeiten.

Manchmal sind die Frauen besser dran. Emily hat in Johannesburg einen Putzjob gefunden, illegal natürlich. Damit ernährt sie die Familie.





Ein paar Frauen und Männer schrubben den Bürgersteig vor der Kirche – ein Arbeitsprojekt der Stadt Johannesburg, zur Weltmeisterschaft, damit die Stadt sauber aussieht. "Das bisschen Geld brauche ich dringend", sagt eine der Frauen und stützt sich auf den Besen. Sie hat sich ihr Baby auf den Rücken gebunden. Nach der WM wird das Projekt wahrscheinlich enden. Aber ein paar Arbeitslose mehr fallen hier gar nicht auf.




Sie könnten auch in die Vorstädte ziehen, in die Townships von Johannesburg, in eine der illegalen Siedlungen. Da hätten die Immigranten mehr Platz. Aber sie wagen es nicht. "Die Südafrikaner hassen uns Simbabwer. Sie denken, wir nehmen ihnen die Arbeit weg. Dabei hat doch kaum einer von uns Arbeit", sagt Emilys Nachbarin Faith. Auch sie wohnt mit ihrer Familie lieber im Gemeindehaus der Methodistenkirche. "Hier sind wir wenigstens sicher", sagt sie.

Emily nickt. Es ist der Hass, der ihr Angst macht. Angst, den Sohn zur Schule zu schicken. Angst, auf die Straße zu gehen und als Simbabwerin erkannt zu werden. "Ihr seid dreckig, sagen die Südafrikaner. Ihr seid wertlos." Und immer wieder: "Ihr nehmt uns die Arbeitsplätze weg."

Vor zwei Jahren hat sich Emily gar nicht mehr aus dem Haus getraut, so groß war die Welle der Gewalt gegen Immigranten. Und sie ist überzeugt: Die Gewalt kommt wieder. "Durch die Fußball-WM hat der Hass nur eine Pause eingelegt. Danach ist er wieder da."




Die ersten Bewohner der Methodistenkirche bereiten sich schon vor: Vor dem Büro des Pastors sitzt eine alte Frau. Sie will nach Hause, zurück nach Simbabwe. "Südafrika hat mir kein Glück gebracht", sagt sie. "Ich will fliehen, bevor die Weltmeisterschaft zu Ende ist. Danach geht es wieder los mit der Gewalt."

Emily wird hier bleiben, mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Kindern. "Wo sollen wir denn hin?", fragt sie. Und zertritt eine Wanze.
 
 
 
Anna Kuhn-Osius 06.07.2010, 16:58 # 2 Kommentare
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2 Kommentare

  Eine sher berührende, bedrückende Geschichte - mit ausdrucksstarken Fotos! Aber ich wage nicht, mir vorzustellen, wie es diesen Menschen zurück in Simbabwe ergehen würde... Bewundernswert, was sie auf sich nehmen für die Hoffnung auf eine ein kleines bisschen bessere Zukunft  
  Seelenwind | Homepage | E-Mail | 07.07.2010, 19:48  
 
 
  Anna:
Welch ein ergreifender Bericht und emotional bewegende Bilder, die Sie live vor Ort in Südafrika sammeln können...
Halten Sie uns gern weiterhin auf dem Laufenden!!!

Matthias
 
  Matthias | Homepage | 06.07.2010, 19:48  
 
 
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