15.03.2007  
     
 
Die Wüste innen
Die Wüste außen
 
 


Ich war noch bis abends spät auf der Suche nach den „Feuerspringern“, habe aber keine gefunden. Selbst die Knaller schienen immer dort zu explodieren, wo ich gerade vor zehn Minuten war. Daß das Fest in Isfahan nicht stattfindet, bezweifele ich, aber vielleicht habe ich jene Ecken und Nischen einfach nicht entdeckt, denn, wie gesagt, wird dieses vorislamische Ritual nicht gern gesehen und die Miliz könnte plötzlich auftauchen. Die Straßen hingegen waren voller Menschen, die Geschäfte geöffnet, und ich hatte nachts größere Mühe mir meinen Weg zum Hotel zu bahnen als tagsüber. Zum erstenmal, seit ich in Iran bin, sah ich eine obdachlose Frau auf der Straße schlafen und zwei Kinder, etwa 6 und 8 Jahre alt, die übermüdet an einer Mauer kauerten und bettelten. Jugendliche schlenderten in kleinen Gruppen über die Boulevards, bändelten mit dem anderen Geschlecht an. Die meisten Nachtgänger aber machten Einkäufe fürs neue Jahr.



Morgens nahmen Amir und ich den Zug zurück nach Teheran. Ich mußte, bevor ich zu den Gleisen zugelassen wurde, zum Polizeibüro und meinen Paß kontrollieren lassen. Der Chef, ein Oberst, saß finster hinter seinem Schreibtisch und blickte in meinen Ausweis. Dann fragte er laut und autoritär: „Ihr Name?“
Ich schaute ihn erstaunt an und mußte lächeln. Sein Gesicht verzog sich zu einer gekochten Limone, die man später im Mörser behandelt hat. Es verrutschte nach und nach, glitt in die tiefen Zornesfalten seiner Stirn. Aber bevor es sich ganz aufzulösen drohte, sagte ich meinen Namen. Woraufhin er rief: „Wo geboren?“
Wie aus der Pistole geschossen, kam meine Antwort. Das gefiel ihm. Ich bekam meinen Paß zurück und durfte zum Zug.
Amir sagte: „Du hast noch nicht gelernt, wie man sich bei solchen Leuten, die ihre Autorität lieben, verhält. Du stehst da im langen Mantel, die Hände in die Hüften gestemmt wie ein Feldherr, dabei solltest du unterwürfig wirken. Weißt du, diese beiden Fragen sind die einzigen, die der Oberst auf Englisch kennt. Das könnte mal schlecht ausgehen.“ Dann lachte Amir sich schlapp.




Zwischen Isfahan und Teheran liegt Wüste. Eine Wüste, wie ich sie noch nicht gesehen hatte, anders als die libysche, nicht so gelblich sandig, anders als die mit Gestrüpp überwucherte Savanne in Westafrika und anders als der rote Staub der südlichen Staaten. Es ist zu Anfang eine steinige festgetrocknete Erde, zum Teil voller Geröll zum Teil flach und aufgerissen. Der Himmel hängt in unterschiedlichen Blautönen über den Bergen am Horizont, so als wäre Gott am Experimentieren, so als fahre der Zug an diversen Kulissen vorbei, und ich am Fenster schaue auf eine Bühne voller Requisiten, aber ohne Schauspieler. Dann wieder ist der aufgewirbelte Staub so dicht, daß alle Farben verblassen, ein blau-grauer Dunstschleier sich vors Fensterglas legt, und ich versucht bin, mir die Brille zu putzen. Schließlich tauchen sie doch auf, die „Schauspieler“. Arbeiter, die Lastwagen beladen. Löcher graben, einmal fährt mitten durch dieses unwirtliche Gebiet ein Traktor. Einige Kilometer weiter sehe ich Jugendliche lässig auf ihren Mopeds sitzen, wie sie auf den verstreuten Hügeln Ausschau nach was auch immer halten, und ich muß an die zahllosen Western denken, die die indianischen Späher auf ihren Pferden zeigten oben auf den Bergen, während sich unten der Zug näherte. Nein, es gab keine Angriffe, im Gegenteil, der Schaffner fragte, ob wir etwas wünschten, etwas zu essen etwa oder zu trinken?




Dann ziehen kleine Dörfer vorbei, erdfarbene Mauern, blaß gelbe Ziegel, ockerfarben mit Wassertanks auf den Flachdächern. Daneben liegen Anbaugebiete – für was konnte mir niemand sagen – in leuchtendem Grün, blühende Gräser, dazwischen mit Plastikplanen abgedeckte Gewächshäuser und wieder Wüste.




Irgendwann hielt der Zug. Links und rechts versperrten Güterwagons die Aussicht, Berge von aufgestapelten Schienen. Auf die Frage, was los sei, hieß es, ein anderer Zug komme auf dem Gleis entgegen, wir müßten warten, bis er die nächste Weiche passiert habe. Das leuchtete mir ein.
Nach etwas mehr als einer halben Stunde ging es weiter. Die Berge im Hintergrund trugen Schnee auf den Gipfeln, schälten sich deutlich aus dem flirrenden Hitzemantel, der sie umgab. Dann wurde der Boden ebenfalls weiß. Zuerst nur zungenweise; langgezogene Flecken lagen verstreut wie die sichtbaren Zeichen einer Pigmentstörung über der erdigen Haut, schließlich zeigte sich das Gesicht einer „Albino-Wüste“. Salz!
Ich trank einen Schluck, während der Zug verlangsamte und wir wieder hielten. Ich fragte nicht mehr warum. Es wurde Abend, und wir standen noch immer.
Als wir die Peripherie Teherans doch noch erreichten, brannten bereits überall Lichter. Hier gibt es viele illegal hochgezogene Wohnviertel, kleine quadratische Bauten, in denen meistens Immigranten wohnen, Wanderarbeiter aus Afghanistan etwa. Die Viertel sehen aus, als habe nie jemand daran gedacht, für die Ewigkeit zu bauen, es sind Behelfsunterkünfte aus Ziegeln, Mörtel und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Wie banal dagegen meine Hoffnung, endlich anzukommen.



 
 
 
Guy Helminger 15.03.2007, 07:12 # 2 Kommentare
 
 
     
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