14.03.2007  
     
 
Wo es wackelt
Karladan
 
 


Ich war heute zum ersten Mal auf dem Land, in einem Dorf namens Karladan, fünf Kilometer von Isfahan entfernt. Dort in der Gegend gibt es eine haushohe Grabstätte mit zwei Türmen, die so konstruiert sind, daß der zweite mit wackelt, wenn der erste geschüttelt wird. Der Taxifahrer fragte Amir auf halber Strecke: „Kommt der Deutsche tatsächlich extra von soweit her, um ein einziges Wackeln zu sehen?“
Amir bejahte und erklärte, ich würde hoffen, der Turm wackele vielleicht mehrmals.
„Aha“, sagte der Taxifahrer und sah mich schräg von der Seite an.
Tatsächlich hat der Turm kurz gewackelt. Ein Mann stieg in den linken Turm hinein, krallte sich in die Wand zwischen zwei Fensternischen und rüttelte. Außer mir war noch ein englisches Paar zugegen und einige Iraner. Das Ganze dauerte zehn Sekunden. Ich konnte die Ungläubigkeit des Taxifahrers verstehen.




Anschließend schlenderten Amir und ich durch das Dorf, das im Gegensatz zu herkömmlichen Dörfern so konstruiert zu sein scheint, daß in der Mitte Felder und Äcker liegen, eingekreist von den Häusern. Es war Markt. Kleider wurden angeboten, Gehäkeltes, Gummistiefel und Küken in allen Farben von rot über orange zu rosa und weiß. Ich fragte, ob der Mann sie angemalt habe?
„Angesprayt“, lächelte er, „bald ist Neujahr.“




Die Gegend hier liegt etwa 1575 Meter über dem Meeresspiegel und die Sonne flammte grell und schmerzhaft durch die engen Straßen. Die Verkäufer waren allesamt Männer, die Kunden alle Kundinnen und alle im schwarzen Tschador. Den Einfluß der Städte in Form von geschminkten Lippen, und anderem, hier allerdings dezentem Make-up konnte man nur bei zwei, drei sehr jungen Frauen sehen. Dafür ließen sich einige fotografieren, was mir bislang selten erlaubt wurde. Sie zogen vorher ihren Schleier so weit wie möglich übers Gesicht, dann durfte ich auf den Auslöser drücken. Bei einer anderen Gruppe mußte ich warten bis sie mir den Rücken zugekehrt hatten, dann machte ich das Foto. Nur eine Mutter mit Kind gab sich offen. Dafür hatte ich beständig das Gefühl, einige hätten sehr gerne mit mir geredet, wußten aber nicht, wie dies anstellen, ohne die gesellschaftlichen Regeln zu übertreten. So entwickelte sich eine Art Begleitung durchs Dorf – es waren jene drei Frauen, die mir beim Fotografieren den Rücken zugekehrt hatten – eine Begleitung, die immer etwa 10 Meter voraus lief und sich von Zeit zu Zeit umdrehte, um uns die Richtung auf dieser einen Straße zu zeigen. Wenn Amir nachfragte, blieben sie sofort stehen und ergriffen die Möglichkeit etwas zu reden.




Die Moschee von Karladan beherbergt in ihrem Kellerfundament eine Bibliothek, die gut ausgestattet ist. Amir und ich durften uns die Bestände anschauen, auch auf der Frauenseite, was einiges an Gekicher bei den Studierenden auslöste. Es gab hier viel Philosophie des 20. Jahrhunderts, Popper, Heidegger, Russel usw, es gab Literatur von Pearl S. Buck zu Mark Twain und Paul Auster. Eine Farsi-Übersetzung eines deutschen Romans fand ich nicht. Natürlich viele religiöse Schriften, Koran-Erklärungen und Nachschlagwerke.




Die Rückfahrt nach Isfahan erfolgte in einem kleinen Lieferwagen mit offener Ladefläche. Zu dritt saßen wir vorne. Amir, in der Mitte eingequetscht, hatte einen Fuß neben dem Gaspedal und den Steuerknüppel zwischen den Beinen. Mir lief der Schweiß von der angesengten Glatze. Selbstgebastelte Böller knallten irgendwo im Hintergrund und klangen wie ein näher rückendes Gefecht. In Teheran wird heute abend die Hölle los sein, heißt es, wenn überall die Feuer angezündet werden und die Menschen darüber springen wie in vorislamischer Zeit.
„Ein Schlachtfeld, wenn die Böller gezündet werden“, sagt Amir.
Und in Isfahan?


 
 
 
Guy Helminger 14.03.2007, 08:11 # 3 Kommentare
 
 
     
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