13.03.2007  
     
 
Gespräche
In Djolfa
 
 


In Djolfa, dem Armenierviertel von Isfahan stehen mehrere wunderbare Kirchen, die innen komplett mit biblischen Szenen bemalt sind. Einige dieser Fresken zeigen das grausame Martyrium des hl. Gregor, mit dem die Schergen des Armenierkönigs wohl so ziemlich alles angestellt haben, was ihnen gerade einfiel. Überhaupt scheint man in Iran wenig Berührungsängste mit der Darstellung von Grausamkeiten zu haben und das bis in unsere Zeit. Ich erinnere mich in Teheran ein Museum gesehen zu haben, das die Folter der Schahzeit drastisch vor Augen führt. Blutüberströmte Wachsfiguren hängen dort von der Decke, sitzen unter elektrisch aufgeladenen Helmen, werden in Badewannen getunkt. Die Fotos, die man sich im Museum auf dem Friedhof der Märtyrer anschauen kann, sind auch keine leichte Kost. Halb verstümmelte Leichen, von Bomben zerfetzte Körper sollten eigentlich klar machen, daß Krieg nicht der Vater aller Dinge ist, aber ich werde das Gefühl nicht los, daß es auch bei diesen „Erinnerungsstücken“ mehr um Propaganda geht als um etwas anderes. Nicht umsonst wird von der Regierung gepredigt, daß Schmerz die Seele reinige.




In den Kirchen im Armenierviertel werden aber auch die Geburt Christi und die Stufen von der Hölle zum irdischen Dasein bis zu den Wonnen des Himmels gezeigt. Die bekannteste und am besten erhaltene, ist die Vank-Kathedrale. Dort treffe ich vier Studenten aus Teheran, die sich ihr Land anschauen wollen. Mohsen, der das Gesicht und das Bärtchen vom Sänger von Metallica hat und seine Freunde Said, Ali und Sahand sind an Deutschland interessiert und glauben, daß es das beste Land in Europa ist. Auch das reichste und das freundlichste und...
Ich bremse etwas und frage, ob sie unzufrieden hier sind?
„Na ja“, sagt Mohsen, „wir haben uns an vieles gewöhnt, aber wenn wir die Möglichkeit bekommen, sind wir weg.“ Alle vier sind 21 und wollen Chip-Designer werden. Sie fragen, ob ich mit ihnen durch Iran reisen möchte. Sie sind mit dem Wagen hier und werden weiter in den Süden nach Persepolis fahren. Ich muß ablehnen, weil ich heute abend eine Lesung in Isfahan habe und am Sonntag bereits wieder nach Deutschland fliege.
Was ich denn von Hitler halte, will Sahand plötzlich wissen? Sie hätten gelesen in Deutschland sei bereits jeder vierte wieder ein Neonazi.
Mittlerweile sind wir im angrenzenden Museum angekommen, wo auch der Völkermord an den Armenier durch die Türken 1915 dokumentiert wird. Erneut sehe ich uralte Dokumente von abgeschlagenen Köpfen, ausgehungerten Frauen, mißhandelten Kindern. Ich erkläre Sahand und den anderen, daß das Blödsinn sei, daß es in Deutschland so viele Neunazis gebe.



Ob ich denn an den Holocaust glaube? Ich frage zurück, ob sie denn ihrem Präsidenten Glauben schenkten. Allgemeines Lachen. Ich sage ihnen, daß das für mich überhaupt keine Frage ist, ob der Holocaust stattgefunden habe, es gebe so viele Dokumente, Zeitzeugen und frage, warum eine Nation wie die deutsche, sich eine solche Schuld aufladen sollte, wenn es nicht stimmte. Ob sie die Deutschen für Masochisten halten? Sie winken ab, sie wollten es nur noch einmal klar und deutlich formuliert bekommen. Sie waren eh schon der gleichen Meinung. Nur wenn man diese Zweifel von ganz oben dauernd zu hören bekommt...
Nach einer Pause, in der sie einen japanischen Touristen bitten, uns alle zusammen zu fotografieren, frage ich Mohsen ob er Metallica kenne? Nein, kennt er nicht, auch AC/DC sagt ihm nichts, er hört Eminem.




Schließlich verabschieden wir uns. Ich laufe etwas durch die Straßen und plötzlich tritt ein Mann vor mich und redet auf mich ein. Es ist keine Frage, die ihn antreibt; in gebrochenem Englisch hält er einen Monolog, während sein Gesicht nahe an dem meinen ist. Ich kann die Farbe seiner Augen studieren, sie sind grün und haben einen leicht blauen Rand.
„Helfen Sie uns“, sagt er, „ich weiß nicht, was Sie sind, ein Journalist oder so, aber schreiben Sie, daß wir das alles nicht wollen, daß wir bluten. Ich weiß nicht wie lange ich noch lebe, vielleicht töten sie mich heute, vielleicht in einem Monat, aber schreiben Sie über dieses Land, was es erleidet.“
Ich frage, ob er mir etwas Konkretes erzählen möchte? Aber er fährt weiter fort in seinem Monolog: „Die Welt muß uns helfen. Niemand in diesem Land will diese Regierung. Sie isolieren uns, sie treiben uns in die Armut, helfen Sie uns. Amerika soll nicht mit Bomben kommen. Das wollen wir nicht. Wir wollen keinen Krieg mehr, aber tun Sie etwas für uns.“
Ich frage, was er arbeitet, was sein Beruf sei?
Er sagt: „Alles, was ich noch kann, ist mein Haus bauen, mehr kann ich nicht mehr tun.“ Dann monologisiert er wieder, ruft, daß er mir die Hand küsse, wenn ich über das Leiden in seinem Land schreibe und daß die Bevölkerung nicht so sei, wie die da oben. „Allah sieht alles, er weiß alles, er sieht uns beide und er weiß, mein Herz ist rein.“
Dann schüttelt er mir die Hand, in seinen Augen liegt Verzweifelung.
„Mehr von Ihrer Zeit“, sagt er, „kann ich nicht in Anspruch nehmen.“ Und verschwindet in einer Seitenstraße.


 
 
 
Guy Helminger 13.03.2007, 12:13 # 0 Kommentare
 
 
     
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