12.03.2007  
     
 
Zug Nach
Isfahan
 
 


Das Schlafabteil ist gut für Menschen, die nicht größer als 1,75 Meter sind. Leider ließ sich auch die Heizung nicht regulieren, und ich habe mich nach und nach aufgelöst in einer Hitze, die mit der Wüste, durch die wir fuhren, nichts zu tun hatte. Um 5.30 Uhr klopfte es, weil der Schaffner unsere Laken zurück haben wollte. Ich war gerade eingeschlafen. Amir grinste und sagte: „Weißt du was, Guy, dein Schnarchen hat einen Luxemburger Akzent!“




Der Bahnhof liegt etwa 10 Kilometer außerhalb von Isfahan. Eine fünfspurige Autobahn führt an Betonklötzen, dann an Militärgelände, einem alten Hubschrauber vorbei. Der Taxifahrer redet über den Präsidenten und schüttelt den Kopf über eine seiner Reden. Mal wieder, denke ich. Meistens dauert es keine fünf Minuten, nachdem man mit jemandem ins Gespräch gekommen ist, bevor derjenige in aller Klarheit sagt, was er vom Regime in Iran hält. Politische Gespräche sind an der Tagesordnung, das war weder unter dem Schah noch Jahre lang nach der Revolution möglich. Die Schizophrenie, unter der dieses Land leidet, ist kaum zu verkennen, schon die Kinder lernen, daß die Eltern draußen mit den Eltern zuhause nichts gemein haben. Die Lüge nach außen hin ist notgedrungen in Fleisch und Blut übergegangen. Sobald man sich sicher fühlt, fällt der Schleier und das Kopfschütteln beginnt.



Die Straßen, die wir durch die Stadt nehmen, sind alle breit und wirken wie Promenaden, so als sei die 3 Millionen Stadt ein alter Kurort. Riesige Wasserfontänen schießen mitten im Fluß Zayandehrud auf. Die Architektur ist wohl durchdacht, kein Vergleich mit Teheran, wo scheinbar jeder gebaut hat, wie er wollte. In Isfahan gibt es viele kleinere Häuser, wunderschöne Brücken und beindruckende Moscheen. Aber man merkt auch, daß hier öfter mal Touristen auftauchen. Die Händler auf dem Bazar sprechen einen direkt an, bleiben zwar freundlich, drängen nicht direkt, bitten einen aber mehrmals hintereinander ins Teppichgeschäft. Auf der anderen Seite starren mich die Menschen in den Straßen an, als sei ich ein unbekanntes Wesen. Egal ob Männer oder Frauen, ich scheine immerhin so interessant, daß die Augenpaare weitaus länger an mir hängen bleiben, als normalerweise nötig. Also grüße ich und man grüßt mich freundlich zurück.




Auf dem Rückweg zum Hotel, während die Sonne sich langsam hinter eisige Winde zurück zieht, fliegen Tausende kleine Vögel über die Si-o-se-Brücke (die Brücke, die aus 33 "Brücken" besteht). Sie fliegen so hoch oben, daß sie im ersten Moment wie ein Heuschreckenschwarm wirken, der stellenweise den Himmel schwärzt. Zu ihnen gesellen sich Möwen, jagen wie Geschosse durch den Abend. In den Straßen ist viel Volk unterwegs. Isfahan ist das Herz der Basiji-Kultur und soll dementsprechend konservativ sein. Zumindest auf den ersten Blick ist davon nichts zu sehen.


 
 
 
Guy Helminger 12.03.2007, 08:23 # 1 Kommentar
 
 
     
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