10.03.2007  
     
 
Persisches Essen
Persische Taxifahrer
 
 


„Abguscht“ ist ein typisch iranisches Gericht. Ursprünglich ein Armeleute-Essen, kann man es heute in jedem Restaurant bestellen.
Ich sitze auf einer Erhöhung, die mit einem Teppich belegt ist; der Teppich selbst ist in der Mitte durch eine viereckige Plastikfolie geschützt. Dort stellt der Kellner einen Korb mit länglichem, steingebackenem Brot hin, eine Art Tonkrug und eine leere Porzellanschale. Neben mir surrt ein Kühlschrank. Aus dem Tongefäß nimmt der Kellner zwei Brocken gekochtes Lammfett und eine weichgegarte Tomate. Beides zermatscht er mit einem Mörser und gießt anschließend den Sud aus dem Tonkrug darüber. Das Ganze sieht aus, als sei jemandes Hirn ausgelaufen. Ich reiße Stücke vom Brot ab, werfe sie hinein und esse. Es schmeckt stark nach Schaf, nicht nach Lamm, nach Schaf. Der erste Löffel ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber je mehr ich esse, desto leckerer finde ich das Gericht. Was noch im Tongefäß übrig geblieben ist, ist ein Brei aus Kartoffeln, Fleisch und Gemüse. Dieser wird als zweiter Gang zu sich genommen. Dazu trinke ich „Dugh“, bestehend aus Joghurt, Wasser und verschiedenen Kräutern. Ein älterer Herr kommt zu mir, heißt mich in seinem Land willkommen und geht wieder an seinen Platz. Einige schauen zu mir herüber. In der anderen Hälfte des traditionellen Restaurants stehen Tische und Stühle, die so gut wie alle besetzt sind. Darüber hängt ein Schild, das darauf hinweist, daß es für Frauen Pflicht ist, ihr Haar zu bedecken. Später erklärt mir Amir, daß diese Schilder in fast allen Restaurants hängen, daß es Vorschrift für die Besitzer ist, sie aufzuhängen und sie Probleme bekämen, wenn sie sich über die Vorschrift hinweg setzten.




Mit dem Taxi fahre ich nach Hause und gerate in ein merkwürdiges Gespräch. Der Fahrer redet Englisch, als habe er die Bücher Hemingways zu oft gelesen. Es geht um die Wahrheit, und der Mann regt sich auf, daß niemand in dieser Stadt sie kennt. Was ich denn überhaupt hier mache? Ich sage, daß ich Schriftsteller bin und mir Teheran anschaue.
„Na, wenigstens suchst du dann“, sagt der Mann und kratzt sich den Bart. Es sei nämlich so: die Menschen täten immer so, als gäben sie ihrem Leben einen Sinn, aber ihre Wahrheiten seien keine wirklichen Wahrheiten.
Ich frage, ob er sie denn gefunden habe, die Wahrheit?
Er bremst abrupt, schaut mich an und ich weiß nicht, will er mich nun an seiner Wahrheit teilhaben lassen oder hält er meine Frage für idiotisch und will mich aus dem Wagen schmeißen, jedenfalls bohrt sich sein Blick nadelspitz in mein Gesicht, als müsse er mich impfen. Nachdem die Wagen hinter uns ein Hupkonzert begonnen haben und mein Taxifahrer wieder Gas gegeben hat, wechselt er das Thema, redet über Autos, über Mercedes. Offensichtlich hat er gemerkt, daß auch ich von der Wahrheit weit entfernt bin.




Wie überall auf der Welt ist das Taxifahrervolk auch in Teheran eine Notiz wert. Es setzt sich aus den unterschiedlichsten Bildungsschichten zusammen, einige sind geschwätzig bis zum Abwinken, andere grummeln vor sich hin. In Teheran gibt es Taxis, die wie Busse bestimmte Stationen abfahren, dann gibt es die Wagen, die man auf der Straße anhalten kann. Zu ihnen zählen auch viele Privatleute, die ihr eigenes Auto benutzen, Menschen umherkutschieren, weil sie sich anders den Lebensunterhalt nicht verdienen können. Und es gibt die „Agences“, Taxiunternehmen, die man anruft, die einen abholen und irgendwohin fahren.




Ein weiteres Gespräch.
Mit Händen und Füßen erklärt mir der Mann, daß er vor vielen Jahren mal Englisch studiert habe, aber er habe alles vergessen. Sein Haar ist komplett grau, sein Gesicht voller Falten.
ER: How old?
ICH: 44
ER: Oh. Me?
ICH: No, not you. Me.
ER: No. Me. Me!
ICH: Ach so. I don’t know.
ER: Me?
ICH: Maybe 58.
ER: What?
ICH: 60.
ER: No, no. 48.
ICH: Oh, sorry.
ER: Where.
ICH: You have to go right here.
ER: No, no
ICH: Yes, right.
ER: No. You where from?
ICH: Ach so. Germany.
ER: Oh, Helmut Kohl.
ICH: No, not anymore.
ER: Yes, Helmut Kohl.
ICH: No, not Birne.
ER: Birne?
ICH: Now, Merkel.
ER: Yes, Helmut Kohl.
...


 
 
 
Guy Helminger 10.03.2007, 05:48 # 3 Kommentare
 
 
     
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