
| 07.03.2007 |
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![]() Um noch einmal auf das Inline-Skating zurück zu kommen: Shima, eine Architektin aus Isfahan, erzählt, daß sie vor 13 Jahren zusammen mit einigen Jungs herum gefahren sei und daß die Pasdaran - jene Revolutionsgarde, eine grün uniformierte Miliz - aufgetaucht sei und sie angeschrien habe, ob sie nicht wisse, daß das Inline-Skaten für Frauen verboten sei. Sie haben ihr die Inline-Skaters abgenommen und sie beschimpft, als habe sie ein schweres Verbrechen begangen. Die Jungs durften weiter fahren. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß es in diesem schönen Land auch heute noch den Frauen untersagt ist, Fahrrad zu fahren, weil dies aufreizend auf Männer wirken könnte. Ich weiß nicht, welche ausufernde und zugleich verklemmte Fantasie Menschen haben müssen, um solche Verbote aufzustellen, aber es deprimiert mich. Auch die Vorstellung, Frauen mit Kopftuch und im langen Mantel Tennis spielen zu sehen, während über dem Netz die Sonne eine Packung von 40 Grad abläßt, stimmt mich nicht fröhlich, genauso wenig Shimas Anekdote, sie sei vor einem Monat in einem Geschäft übel angemacht worden, weil ihr Mantel, den sie über ihrer Kleidung trug, angeblich nicht lang genug war. Wer Macht hat, findet immer etwas, den anderen zu schikanieren. ![]() Von anderer Seite höre ich die Geschichte eines Mädchens, das verhaftet wurde, weil es in der Umkleidekabine eines Geschäftes das Kopftuch ablegte, um ein Kleid anzuprobieren. Sie hatte anschließend den Vorhang geöffnet, um sich ihrer Freundin zu zeigen. Oder jene Deutsche, die seit 20 Jahren hier lebt und eines Tages steht die Polizei vor der Tür und sagt: „Wir beschlagnahmen ihr Auto.“ Sie erfährt nicht warum, und eine kleine Odyssee durch die Ämter beginnt. Ihr Mann geht erst zur normalen Polizei, aber bei denen liegt nichts vor, es muß sich also um ein Vergehen gegen den Islam handeln. Der Mann glaubt, daß eines seiner Kinder eventuell laute Musik im Auto gehört hat, während es herum fuhr, denn auch das ist verboten. Schließlich erfährt der Mann, daß jemand seine Frau angezeigt hat, sie habe ohne Kopftuch am so und so vielten um die und die Uhrzeit im Wagen ohne Kopftuch gesessen. Das ganze wurde auf der und der Autobahn gesehen. Da hat also ein Spitzel im Vorbeifahren in einen anderen Wagen geschaut und sofort alles notiert. Daß das Kopftuch vielleicht gerade einmal herunter gerutscht war, was durchaus passieren kann, spielte keine Rolle. Es gab eine ordentliche Geldstrafe und der Wagen mußte ausgelöst werden. ![]() Solche Geschichten von Willkür, Einschüchterung, Gefängnis, Drohungen und Zensur höre ich täglich. Die Ungewißheit, nie zu wissen, wann es einen trifft, ist zermürbend, obwohl die Menschen hier gelernt haben, damit umzugehen. Aber ich bemerke selbst bei mir, der nur als Gast hier ist, einen Hang zur Selbstzensur, ausgelöst durch die Frage, was wenn... Und ich muß jedesmal, wenn ich Kritik äußere, mich etwas aufbäumen, Kraft sammeln und mir sagen, nein, du wirst genau das schreiben, was du denkst. Tatsächlich wird sich wohl kaum eine der zuständigen Stellen für einen deutschen Blog interessieren, zumal die eigene Bevölkerung ihn nicht lesen kann, aber ich habe das Gefühl, etwas von der Verunsicherung zu begreifen, die Menschen in diesem Land immer wieder heimsucht. ![]() Ich habe heute zusammen mit Amir Cheheltan an der Universität Shahid Beheshti gelesen. Auch so eine Lesung muß erst einmal organisiert, sprich erlaubt werden und das kann dauern. Der Empfang war sehr herzlich und das literarische Interesse ehrlich und wohlwollend. Es gab Tee und Plätzchen in einem der Lehrerzimmer, während einige Studenten draußen zum Frühlingsbeginn Bäume pflanzten. Viele der Dozenten haben längere Zeit in Deutschland gelebt und dort studiert. Der Leiter der germanistischen Abteilung glaubte, eine Affinität zwischen meinen Geschichten und den Romanen Wolfgang Koeppens zu sehen, was ich, geschmeichelt, einfach mal so stehen lasse. Zur Lesung erscheinen etwa 50 Zuhörer. Aber die Studenten scheinen etwas scheu zu sein, was das Fragen anbelangt, vielleicht weil sie vor dem Plenum Deutsch reden sollen. Nach der Lesung hingegen sprechen mich einige an und ihr Deutsch ist sehr gut. Amir sagt mir, daß es keine iranische Tradition ist, viel zu fragen, man hält sich eher zurück. Die anwesenden Dozenten hingegen fragen sehr wohl. Anhand von Cheheltan und Helminger werden tiefgreifende Unterschied zwischen deutschsprachiger und iranischer Literatur festgestellt. Während die deutsche Literatur die Welt eher als zu komplex sieht und folglich die Dinge nicht genau zu benennen und festzulegen wünscht, sondern sie in ihrer Undurchdringlichkeit widerspiegelt, hat die iranische Literatur den Hang, den Dingen einen Sinn zu geben, sie klar und deutlich zu erklären. Die Welt bleibt nicht im Vagen. Anschließend geht es in die Mensa für Dozenten. Literatur macht hungrig. ![]() |
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