06.03.2007  
     
 
Ray
Das Licht
 
 


Heute morgen liegt auf allem eine hauchdünne Schicht Licht, die Äste der Bäume sind damit überzogen, die Wagendächer, die Häuser. Es wird warm. Ich fahre mit Amir Cheheltan nach Ray, das sich 12 Kilometer südlich vom Stadtkern Teherans befindet, mittlerweile aber zur unmittelbaren Peripherie der ausufernden Hauptstadt geworden ist.
„Das ist downtown von downtown“, sagt Amir und berichtet, daß hier im Süden die Bevölkerung immer ärmer wird. Tatsächlich verändert sich die Atmosphäre, die Häuser sind plötzlich kleiner, die Leute alltäglicher gekleidet, der Tschador nimmt Überhand. Hier gibt es die Villen aus dem Norden Teherans nicht, aber es gibt auch keine Bettler, fällt mir auf.
„Letztes Jahr im Winter sind einige Obdachlose in Teheran umgekommen“, sagt Amir, „und das war ein Skandal hier. Die Studenten sind auf die Straße gegangen und haben demonstriert, und die Regierung hat sofort reagiert und diesen 70 bis 80 Leuten geholfen.“
Ich staune und frage: „Mehr waren es nicht in dieser Riesenstadt?“
„Nein“, sagt Amir, und ich denke an meine Reise nach Hyderabad (Indien) vor einigen Monaten, wo die Obdachlosen in Hundertschaften nachts auf den Straßen lagen.




In Ray befindet sich eines der wichtigen schiitischen Heiligtümer, das Grabmal von Abdal Azim, einem Nachkommen des zweiten Imam Hasan. Es gibt noch weitere Schreine und Gräber hier und die muslimischen Pilger kommen von überall her. Daß Nicht-Muslimen der Zutritt verwehrt wird, wie ich in einem Reiseführer lese, stimmt nicht. Man bittet mich die Schuhe abzugeben und ich werde freundlich herein gebeten. Fotos und Filmen ist drinnen allerdings verboten. Wächter laufen mit Staubwedeln herum, weisen damit die Menschen zurecht, die sich nicht ordnungsgemäß benehmen. Eine Gruppe aus Belutschistan sitzt in einer Ecke, einer von ihnen betet laut einige Verse vor und die anderen antworten. Trotz des Filmverbots versucht ein Mann der Gruppe seine Landsleute zu filmen, aber sofort liegt der Staubwedel auf seiner Schulter. Der Mann hat kein Einsehen, filmt weiter. Der Staubwedel klopft ihm auf die Finger. Der Mann nickt, senkt die Kamera. Aber kaum hat sich der Wächter umgedreht, beginnt der Mann erneut zu filmen. Und wird wieder erwischt. Das geht eine Zeitlang hin und her, und ich bewundere die Geduld des Wächters.




Am heiligen Schrein von Abdal Azim, die gleiche Szene, nur ist es hier ein Mann aus Pakistan, der filmt. Er sei extra so weit hierher gepilgert und jetzt dürfe er keine Erinnerung mitnehmen, argumentiert der Mann. Der Wächter bleibt hart, der Mann steckt seine Kamera in die Tasche, holt sie aber sofort, nachdem der Wächter weg ist, wieder hervor und filmt.



Es ist erstaunlich laut hier drinnen. Ganze Schulklassen haben sich niedergelassen und rezitieren oder antworten auf einen Ausruf ihres Lehrers oder Lehrerin. Der Bereich für die Frauen ist von dem der Männer durch undurchsichtige Scheiben getrennt, aber man hört auch sie. Außerdem kreuzen sich immer wieder die Wege der Geschlechter innerhalb des Heiligtums. Ich sehe die Schüler sich kabbeln, hintereinander her laufen und lachen. Da waren meine Religionslehrer damals strenger, wenn wir in die Kirche gingen. Viele Männer, die herum sitzen zwischen den Betenden, grüßen mich, lachen mir zu. Ich habe das Gefühl, sie sind froh, jemandem aus Europa ihre Heiligtümer zu zeigen. Und tatsächlich sind die großen, verspiegelten Hallen mit enormen Kronleuchtern beeindruckend. Es glitzert und funkelt, das Licht schrillt geradezu umher, als bade man in einem Meer aus Schätzen. Unwillkürlich frage ich mich beim Verlassen der Grabstätte, ob ich nun reicher geworden bin? Jedenfalls bin ich froh, daß Amir mich hierher gebracht hat.



 
 
 
Guy Helminger 06.03.2007, 14:21 # 3 Kommentare
 
 
     
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