05.03.2007  
     
 
Die Berge!
Die Berge?
 
 


Mittlerweile sollen 14 Millionen Menschen in Teheran leben. Es wird gebaut und gebaut, überall, wo eine freie Fläche ist, schießt ein Betonklotz hoch. Der Verkehr wird zunehmend chaotischer, aber wenn die Sonne am frühen Morgen scheint und man klare Sicht hat, erhebt sich plötzlich im Norden das Elburz-Gebirge und das hat was!




Man fühlt sich nicht direkt in Garmisch-Partenkirchen, aber die Schneegipfel lösen eine seltsame Freude in mir aus. Und offensichtlich nicht nur in mir; ich werde so oft gegrüßt und angesprochen wie nie zuvor. Eine ältere Dame fragt mich, was der erste Eindruck ist, den ihr Land auf mich macht? Ich sage, daß alle so freundlich sind. „Ja“, sagt sie, „das ist eine alte persische Tugend. Und die nimmt uns niemand!“ Sie hat noch die Schahzeit miterlebt. „Da war auch nicht alles schön“, sagt sie, „aber das da ...“ Sie zeigt auf ihr helles, geblümtes Kopftuch und verdreht die Augen. Dann wünscht sie mir alles Gute und bittet mich, zuhause zu erzählen, daß die Iraner gute Menschen sind.




Im Fotogeschäft lächeln mich die Damen so freundlich an, daß ich ganz verlegen werde, aber Englisch oder Französisch spricht keine von ihnen. Sie holen einen jungen Mann, der ebenfalls dort an einem der Computer arbeitet und ein paar Brocken versteht. Ich erkläre ihm, welche Bilder ich wie oft haben will und er sagt, ich soll mich zehn Minuten setzen und warten. Die Verkäuferinnen schauen noch immer zu mir herüber und lächeln freundlich. Fast alle haben sie die Augenbrauen wegrasiert und durch einen schwarzen, dünnen Bogen ersetzt. Eine trägt in den Augenwinkeln einen weißen Lidstrich über dem schwarzen Kayal, die Lippen sind auffallend rot. Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter steht etwas weiter vorne im Laden und kauft eine Kamera. Das Mädchen starrt ebenfalls zu mir herüber, aber eher so, als sei ich der Leibhaftige persönlich. Ich versuche freundlich zu lächeln und nicke, da krallt sie sich in den Tschador ihrer Mutter und reißt die Augen auf. In diesem Moment höre ich aufgeregtes Geplapper und Gekicher. Die Damen schauen sich meine Fotos an, die aus dem Drucker kommen und erkennen viele der Abgelichteten wieder, den Metzger von gegenüber, verschiedene Verkäufer. Als ich den Laden verlasse, kommt ein Abschiedsgruß, wie ein eingeübter Chor: „Bye Bye!“




Zwei Stunden später ist die Sonne weg, die Berge auch. Eine graue Dunstschicht schwebt über allem, spannt sich wie eine Plane von Dach zu Dach, und ich denke, daß es gleich regnen wird, bis mich jemand aufklärt, daß das der normale Smog hier in Teheran ist. Ist das der Grund, warum zwischen morgens um 6 Uhr und abends um 5 Uhr nur die Wagen ins Stadtzentrum hinein dürfen, die eine Plakette hierfür gekauft haben? (Nicht jeder bekommt diesen Ausweis, den man sich an die Windschutzscheibe klebt. Und bei 250 Euro jährlich kann sich auch nicht jeder diese Plakette leisten.) Wohl kaum, denn auf den Autobahnen, die die Stadt durchziehen, dürfen alle immer fahren, da macht die Regulierung fürs Stadtzentrum in punkto Umweltschutz keinen Sinn. Nein, es gibt einfach zu viele Autos und die stehen hier permanent im Stau. Würde man noch mehr ins Zentrum hinein lassen, käme es zu einem absoluten Stillstand. Irgendwo habe ich gelesen, daß dieses im Staustehen zur Freizeitgestaltung der Teheraner gehört. Mal davon abgesehen, daß die Stadt so riesig ist, daß ohne Auto nur schwer auszukommen ist, fahren die Menschen hier offensichtlich gerne durch die Straßen, auch wenn sie kein konkretes Ziel haben.
Tatsächlich ist zwei weitere Stunden später noch immer kein Tropfen gefallen, die Berge sind wieder aufgetaucht, liegen aber hinter einem grauen dichtgewebten Vorhang. Wären die Gipfel nicht so weiß, ich dächte, am Horizont hat jemand eine Mauer hochgezogen.


 
 
 
Guy Helminger 05.03.2007, 16:38 # 1 Kommentar
 
 
     
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