
| 04.03.2007 |
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![]() Gestern sah ich meinen ersten Mullah. Er stand an einer Bushaltestelle, und ich habe ihn mit seinem Einverständnis fotografiert. Ich erwähne das deshalb, weil das alltägliche Leben in den Straßen etwas anders ausschaut, als man es in Deutschland mitbekommt. Auf fast allen Fotos, die ich in deutschen Zeitungen vor meiner Abreise zu Gesicht bekam, war entweder eine Moschee oder ein Geistlicher, eine schwarz verhüllte Frau oder der Präsident abgebildet, die Themen waren Holocaust-Verleugnung, Urananreicherung und das Muskelspiel George W. Bushs, er überlege sich, gezielt den Iran anzugreifen. Folglich reagierten einige meiner Bekannten etwas erschrocken, als ich erzählte, ich fliege nach Teheran. Die Fragen reichten von: „Ist das nicht gefährlich?“ bis „Glaubst du wirklich, daß du das überlebst?“ ![]() Die einzige Gegenstimme war mein Freund Navid Kermani, der den Kopf schüttelte und sagte: „Die Menschen und das Leben dort sind komplett anders, mach dir mal keine Gedanken.“ Und er hatte recht. Ich bin jetzt fast eine Woche hier und treffe erstmals auf einen Geistlichen, wenig später sogar auf den zweiten, der jedoch nicht abgelichtet werden möchte und auch nicht lachen kann über meine Anfrage. Beten sehe ich überhaupt niemanden. In anderen muslimischen Ländern bin ich immer wieder Männern begegnet, die ihre Teppiche ausrollten und nieder knieten, wo auch immer sie gerade waren. In Teheran ist davon nichts zu sehen. Auch im Heiligtum im großen Bazar treffe ich nur auf Zeitung lesende Männer, Schlafende. ![]() Die meisten Jugendlichen haben mit Religion sowieso nichts mehr am Hut. Aufgewachsen unter der islamischen Staatsdoktrin, fühlen sie mehr die Restriktionen und Verbote als die Güte Allahs. In Iran sprechen die Intellektuellen bereits von Religionsflucht einer ganzen Generation. Die Regierung, die keine Möglichkeit der Vermittlung zwischen Islam und Westen sieht und die konsequent nur zwischen einem gesunden, gläubigen Muslim und einem kranken, geistig zersetzten Anhänger der westlichen Kultur unterscheidet, hat jahrelang auf öffentliche Prügelstrafen, Auspeitschen, Gefängnis gesetzt, wenn es darum ging, die eigenen Kinder wieder nach Hause zu holen. Noch vor zehn Jahren war das Tragen einer Jeans ein revolutionärer Akt, heute laufen mir Jungs mit kurzärmeligen T-Shirts entgegen, tragen Jacken mit dem Aufdruck von Bandnamen, gelen sich die Haare hoch oder haben eine Matte wie J. Depp in seinem Piratenfilm. Wie lange das so gehen wird, bevor das Regime wieder reagieren wird, weiß ich nicht, aber die Jugendlichen lassen sich nichts mehr gefallen. Die Elterngeneration hat weitaus mehr Angst als die Kinder. ![]() Und diese Offenheit innerhalb einer streng geschlossenen Gesellschaft, wie die Regierung sie gerne hätte, spürt man deutlich, die Bereitschaft zum Gespräch, zur Kritik am Staat, auch zur Selbstkritik, daß man nun übertreibt, eben weil es verboten ist, um denen zu zeigen, daß es so nicht geht. Mag sein, daß noch immer überall Spitzel herum stehen und alles notieren, aber versteckt werden die eigenen Bedürfnisse kaum noch. Als ich auf dem großen, mit Menschen gefüllten Platz vor der Moschee im Bazar ankomme, mache ich sofort einige Fotos, weil die Atmosphäre mir gefällt. Frauen beobachten mich dabei, Männer lachen mir zu, jemand grüßt mich im Vorbeigehen auf Englisch. Erst zehn Minuten später sehe ich die Schilder, daß man hier nicht fotografieren darf. Sie sind nicht gerade groß und von weitem nicht zu lesen, aber wieso hat mich niemand darauf hingewiesen? Auch das scheint nicht mehr so wichtig zu sein. ![]() |
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