03.03.2007  
     
 
Freitags
In Teheran
 
 


Auf dem Freitagsmarkt treffe ich endlich auf das viel zitierte Völkergemisch in Teheran. Ich weiß nicht, wo sich die einzelnen Gruppen sonst aufhalten oder ob sie ihre Heimatkleidung ablegen, wenn sie durch die Straßen gehen, und man sie so nur noch schwer unterscheiden kann, aber hier auf dem Markt stechen die Unterschiede ins Auge. Ich sehe Verkäufer pakistanischer Herkunft, trinke Tee mit Afghanen, feilsche mit einem Turkmenen um eine Gebetskette. Hier bieten Araber ihre Ware an, Händler aus Belutschistan verkaufen Kleider, Armenier sitzen dort, Kurden, Inder. Der Markt befindet sich auf zwei Etagen eines Parkhauses, auf der dritten dürfen die Besucher ihre Wagen abstellen. Das bedeutet es herrscht ein reger Verkehr an den Ständen vorbei bis zur dritten Etage, und die Abgase reizen zwischendurch die Schleimhäute. Also tiefer ins Gewühl, weg von den Motoren.




Jemand erzählt, daß dieser Markt sich mittlerweile einer derartigen Beliebtheit erfreut, daß zumindest die Teppiche in den Geschäften 20% billiger sind als hier. Aber es gibt auch viel Gebrauchtes von alten Grammophonen bis zu Wanderstöcken mit integriertem Dolch. Viele Schah-Devotionalien liegen aus, Fotos von Soraya, Münzen. Mehrmals werde ich gefragt, wo ich herkomme und ich antworte: „Ich wohne in Deutschland, in Köln.“ Einer hat einen Schwager dort, ein anderer hat schon einmal den Dom gesehen oder kennt Oliver Kahn (?), nicht persönlich natürlich.




Die merkwürdigste Reaktion kam von einem Mann, der aus getrockneten Granatäpfeln und Bambus alles Mögliche bastelte, er schrie vor Freude, schüttelte mir die Hand, bis mein Arm weh tat und begann dann aus voller Brust zu singen. Das Lied kannte ich nicht, klang wie Freddy Quinn auf dem Meeresgrund. Vielleicht war der Mann einfach nur verrückt, jedenfalls habe ich ab da auf die immer gleiche Frage geantwortet: „Ich bin in Luxemburg geboren.“ Diese Antwort zog selten mehr als ein Kopfnicken nach sich.




Draußen regnet es. In den Gräben schießt das Wasser die Straße entlang, umspült die Bäume. Ich bin bei Hermann, einem Ingenieur aus Bayern eingeladen, eine deftige Mahlzeit einzunehmen. Hermann hat eine Frau aus Isfahan geheiratet und lebt seit 15 Monaten in Teheran. Wie die meisten Ausländer, die aus geschäftlichen oder arbeitstechnischen Gründen hier sind, haben er und seine Frau eine Wohnung, die sich sehen lassen kann. 200 Quadratmeter und mehr sind Standart. Es gibt Weißwürste, dazu Hefeweizen, während sie erzählen welche Hürden sie nehmen mußten, ehe sie in Iran heiraten konnten. 8 Monate hat die Prozedur aus Befragung, Papierkram, Übertreten zum Islam, usw. gedauert. In Deutschland ging das schneller, nur der eigenen, streng katholischen Mutter mußte Hermann seinen Übertritt etwas schmackhaft machen. Sein Arbeitskollege, der auch mit am Tisch sitzt, zittert noch etwas, weil sie gestern mächtig gefeiert haben.
„Du hoast Unterbier!“ sagt Hermann und öffnet noch eine Dose Erdinger.
Ich lobe die Weißwürste, die mir wirklich gut schmecken, und Hermann nickt, nimmt sich etwas süßen Senf, ehe er sagt: „Tja, in jedem steckt halt so a kleiner Bayer!“ Willkommen in Teheran.

 
 
 
Guy Helminger 03.03.2007, 13:21 # 3 Kommentare
 
 
     
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