02.03.2007  
     
 
Vor Norouz
Nach der Lesung
 
 


Am 21. März ist Norouz. Dann beginnt hier das neue Jahr und das wird während 13 Tagen gefeiert. Schulkinder haben Ferien, Ämter sind geschlossen und es gibt für die jeweils Jüngeren innerhalb der Familie Geschenke. Und genau deshalb sind im Moment bereits alle Geschäfte überlaufen. Die Autos parken in Zweierreihen entlang der Bordsteine, ganze Familien drängen in die Läden, weil die Söhne und Töchter neu eingekleidet werden müssen. Früher hat das Regime auch diese Feierlichkeiten versucht zu unterbinden, weil sie vorislamischen Ursprungs sind, aber das iranische Volk hat sich das Feiern nicht nehmen lassen. Ich schlendere durch die Vali-ye-Asr, die längste Straße Teherans, die von Norden bis tief in den Süden führt und wo sich ein Geschäft an das andere reiht, zwänge mich durch ein Gewühl an Menschen und beschließe gerade, mir neue Schuhe zu kaufen, als mich jemand auf englisch anspricht: „Brauchst du Hilfe?“
„Nee“, sage ich, „sehe ich so aus.“
„Fremde brauchen hier immer Hilfe“, antwortet er.
Ich frage, was er so macht?
Er ist Englischlehrer, sagt er und fragt, ob ich mit ihm ins Kino gehen möchte, er habe Freikarten und sein Freund tauche nicht auf.
„Iraner sind doch selten pünktlich“, sage ich.
Er lacht, antwortet: „O.K. du hast recht, ich gebe ihm noch eine Chance.“ Dann greift er zum Handy, wählt die Nummer von seinem Kumpel. Als er wieder aufgelegt hat, sagt er zu mir: „Du hast richtig gelegen, er ist unterwegs.“
„Also keine Kinokarte für mich?“ frage ich. Er lacht, bevor er antwortet: „Der Film ist auf Farsi. Da hast du eh nicht viel von, oder.“



Über den Häusern flackert das Licht wie in einem riesigen Kamin. Der letzte Schnee verwandelt sich in eine Unzahl von Rinnsalen, die den offenen Kanälen zu beiden Seiten der Straßen zufließen. Es ist bereits 17.00 Uhr und ich betrete das Sales Publishing Hause, wo ich zusammen mit Amir eine Lesung habe. Tatsächlich kommen gut 70 Zuhörer und das kleine Café, in dem die Veranstaltung stattfinden soll, platzt aus allen Nähten. Es herrscht eine geschäftige und zugleich freundliche Atmosphäre und ich bekomme meinen ersten Kaffee serviert, seit ich in Iran bin. Was auffällt: im Gegensatz zu Deutschland kommen hier viele Autoren zu den Lesungen ihrer Kollegen, sogar Dolatabadie, der bekannteste lebende iranische Schriftsteller ist anwesend, genau wie die Dichterin Firistih Sari, der Autor Hussein Sanapour und einige andere. Shiva Arastuie, ebenfalls Schriftstellerin, begrüßt mich wie einen alten Bekannten, bis sich heraus stellt, daß sie mich mit Albert Ostermeier verwechselt, der vor einigen Jahren auch in Teheran war. Als sie ihren Irrtum bemerkt, ruft sie: „Ah, ihr Deutschen, ihr seht alle gleich aus!“




Meine Erzählung „Beobachtungen“, die auf Farsi übersetzt wurde, wird von Mahmut Husseini Zad vorgetragen, und die Diskussion danach ist lebhaft, weil es in dem Text um einen Mann geht, der andere verfolgt, um zu sehen, wie diese reagieren. Man will wissen, was diese Geschichte um Verfolgung zu bedeuten hat? Ich sage: „Hängt davon ab in welchem Land man sie liest.“ Grinsen. Zustimmendes Kopfnicken. Eine Fotografin knipst wie wild, und ich erwische mich bei dem Gedanken, wem sie heute abend die Fotos wohl zeigen wird. Arbeitet sie wirklich für eine Zeitung? Die Fragen aus dem Publikum sind dann alle literarischer Art. Erst ganz am Ende meldet sich jemand aus der hintersten Reihe und fragt, wie frei denn Deutschland sei, ob man denn da den Holocaust leugnen dürfe? Das Publikum wird sofort sauer. „Auf die Scheiß-Frage haben wir gerade gewartet“, meint einer und jemand anderes, sagt: „Jetzt darfst du auch noch nach der Uran-Anreicherung fragen!“ Zumindest in diesen Intellektuellenkreisen ist der Tenor auf Achmadinedschads Verhalten und Reden eindeutig.
Später am Abend erzählt jemand die Anekdote, daß der Präsident in einer Rede gesagt habe, ein fünfzehnjähriges Mädchen habe ihm einen Brief geschrieben, sie habe in ihrem Zimmer eine Atombombe gebaut. Das sei ganz einfach, sie habe die Dinge auf dem Flohmarkt gekauft und einfach alles zusammen gebastelt. Der Präsident habe daraufhin das Mädchen eingeladen, und Spezialisten hätten die Aussage des Mädchens überprüft, es stimme alles.
„Ja“, sagt jemand anders, wenn Achmadinedschad das sagt, dann stimmt es mit Sicherheit!“
Alle lachen.



 
 
 
Guy Helminger 02.03.2007, 17:04 # 0 Kommentare
 
 
     
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