28.02.2007  
     
 
Schnee
Und andere Geschenke
 
 


Seit gestern Abend schneit es ununterbrochen. Ich rutsche mit Amir Cheheltan, einem persischen Schriftsteller, durch die Straßen. Zwei seiner Bücher dürfen nicht wieder aufgelegt werden, aber man hat seinen letzten Roman gerade für den Staatspreis nominiert, ein Preis, der hier für das beste Buch des Jahres vergeben wird. Amir hat gegen die Nominierung Einspruch erhoben, er wolle nicht nominiert werden von einer Regierung, die andere Bücher verbietet oder zensiert. Man hat ihn daraufhin wissen lassen, nicht er werde nominiert, sondern sein Buch, wer etwas veröffentliche, dem gehöre es nicht mehr.




Die Schneeflocken beschlagen meine Brille, am Straßenrand haben einige Männer ein Feuer angezündet und wärmen sich. An den Gräbern unbekannter Märtyrer vorbei – man findet auch heute noch die Überreste von Gefallenen aus dem Irak-Iran-Krieg, die dann an heiliger Stätte wie hier vor der Mosalla-Moschee bestattet werden – steigen wir einige Treppen hoch zum Tajrish, einem kleinen Bazar, der als große Obsthalle beginnt, um sich dann in einen Schlauch aus Verkaufsnischen, in denen alles angeboten wird, zu verwandeln, Uhren und Schmuck neben Plastikspielzeug, Gewürze und Trockenfrüchte neben Jeanshosen und modischen Turnschuhen, Gebetsteppiche, Schrubber, Musik-CDs.




Und in allen Läden leuchten grelle, weiße Lampen, die einen kurzzeitig erblinden lassen, schaut man hinein. Aber blickt man von weitem in diesen Schlauch hinein, glänzt dem Besucher eine Atmosphäre aus 1001 Nacht entgegen, eine merkwürdige Mischung aus märchenhaftem Schillern und Business, so als habe sich Aladin mit Gel frisiert, verkaufe teure Spiegel und schlendere abends zu seinem Moped, das draußen eingeschneit am Straßenrand steht.

„Wo kommst du her?“ fragt mich ein Händler.
„Ich wohne in Deutschland“, sage ich.
Er zeigt über seine Auslage mit Sandalen und Lederschuhen, ruft: „Das schenke ich dir.“ Und nach einer Pause fügt er hinzu: „Und du schenkst mir dafür dein Ticket nach Deutschland.“ Dann lacht er laut und dreht mir den Rücken zu.




 
 
 
Guy Helminger 28.02.2007, 20:07 # 1 Kommentar
 
 
     
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