05.04.2007  
     
 
Indischer Ozean, 13°C
Die Südpolartaufe
 
 

Kurs auf Südafrika

“NEPTUN ist zugetragen worden, daß an Bord des von ihm hochwohlgelittenen Schiffes POLARSTERN eine wilde Horde ungereinigter Kreaturen ihr Unwesen treibt. Das ist südlich des Polarkreises eine unhaltbare Unsitte. Daher wird NEPTUN persönlich, in Begleitung seiner holden Gattin Thetis, dem ein Ende bereiten. Er wird mit seinen Gehilfen am 05.04.2007 um 13 Uhr zum Abhalten der Reinigungs- und Taufzeremonie an Bord erwartet. Haltet euch bereit und übt Zittern - nicht nur vor Ehrfurcht!“
Schon eine Weile beschäftigen uns Mitteilungen dieser Art und vielfältige Gerüchte verbreiteten sich an Bord. Bei der Polartaufe handelt es sich um einen alten Seefahrerbrauch und wird auf der Polarstern fortwährend in der Arktis und Antarktis durchgeführt. Die gesamte Besatzung nimmt zusammen mit der Wissenschaft an diesem spannenden Ereignis teil und verkleidet sich in liebevoll gestalteten Kostümen als Neptuns Hofstaat. Nachdem nun alle wissenschaftlichen Projekte abgeschlossen sind, war es am gestrigen Abend dann soweit und die erste Station der Taufzeremonie wurde eingeleitet. Neptuns Polizisten führten uns auf das Helikopterdeck, auf dem wir mit einem Stempel versehen und jeweils zu zweit aneinandergekettet in Reihe positioniert wurden. Kurz darauf erschien Netpuns Konteradmiral Triton, um mit Hilfe von Kapitän Stefan Schwarze in Neptuns Namen eine Rede vorzutragen und gab den Befehl zur Waschung. Unverzüglich erhielten wir aus mehreren Feuerlöschschläuchen von Neptuns Beamten eine gnadenlose Meerwasserdusche. Als Triton schließlich von uns abließ und somit Neptuns erste Forderungen erfüllt waren, verließen wir frierend das Helikopterdeck und wärmten uns bei einer heißen Dusche auf. Der Morgen des eigentlichen Tauftages begann heute mit einem ganz speziellen Frühstück. Da den “schmutzigen“ Täuflingen das Sitzen auf den Stühlen in der Messe nicht gestattet ist, mussten wir wohl oder übel auf dem Boden Platz nehmen und bekamen Delikatessen wie Fisch-Chili-Cracker oder Paprikapudding vorgesetzt. Neptuns persönliches Eintreffen wurde um 13 Uhr erwartet. Zwei Stunden vorher machte seine Polizei erneut Gebrauch von ihrer Amtsgewalt und sperrte alle Täuflinge in das Fischlabor. Nach langer Wartezeit und vielen Mutmaßungen über das weitere Geschehen wurden wir dann endlich auf das Arbeitsdeck gebracht. Man erwartete uns bereits, denn Neptun höchstpersönlich versammelte sich mit seinem gesamten Hofstaat, vor dem wir auf den Knien den mahnenden Worten des Pastors folgen mussten. Anschließend ging es wieder in unser “Gefängnis“, in dem nun jeder Täufling nacheinander zur Prozedur herausgerufen wurde. Als mein Name fiel und ich von zwei Polizisten auf das Deck abgeführt wurde, erblickte ich voller Erstaunen die Taufinstrumente. Die Taufe bestand aus einem Parcour, auf dem man von einer Station zur nächsten geführt wurde. Zwischen Salbungen mit Essensresten, Sedimentschlammduschen und Fütterungen mit Fischcrackern erhielt man vom Pastor einen persönlichen Vers, in dem man seinen Taufnamen erfuhr Auf der letzten Station musste dieser im Angesicht des Königs der Meere wiederholt werden. Vielen Täuflingen erging es so wie mir, denn im Eifer des Gefechtes überhörte ich diesen Namen und musste sofort wieder von vorne beginnen.

“Im wahren Leben heißt du doch Lars und Focke,
bekannt durch deine wunderschöne Locke,
verbandelt mit Labtop und Kamera,
sind deine Fotos wahrlich wunderbar,
dem Internet präsentiertest du jeden Tag einen Blog,
In diesen Breiten ist dein Name jetzt Eisgonoblog.“


Im Anschluss der Taufe und nachdem das Arbeitsdeck wieder gesäubert war, bereitete die Besatzung einen Grillabend vor, um diesen außergewöhnlichen Tag mit der Vergabe der persönlichen Urkunden zur Südpolartaufe abzuschließen. Man bemerkt, dass es sich bei der Taufe um eine alte Tradition der Seefahrt handelt, denn bei den Kostümen und Taufinstrumenten war die Liebe zum Detail nicht zu übersehen. Sowohl Täufer als auch die Täuflinge hatten trotz der “unangenehmen“ Prozeduren viel Spaß und freuen sich nun auf die letzten sonnigen Tage auf der Polarstern, bevor wir am Dienstag im Hafen von Kapstadt schließlich von Bord gehen werden und unser unvergessliches Abenteuer endgültig vorbei sein wird.




Konteradmiral Triton gibt Befehl zur Waschung der Täuflinge






Spezialitäten für die ungetauften “Schmutzfinken“




Der Pastor bereitet die Täuflinge auf die Prozedur vor

Lars Focke, Student der Fachhochschule Kiel, 05.04.07
 
 
 
Lars Focke 05.04.2007, 16:09 # 4 Kommentare
 
 
     
4 Kommentare

  Der Fisch sieht ganz besonders lecker aus :o  
  Berry | Homepage | E-Mail | 28.07.2007, 16:56  
 
 
  Vielen Dank für die vielen Berichte und schönen Fotos. So konnte man immer ein bißchen mit dabei sein und sehen was ihr in diesen zehn Wochen alles erlebt habt. Ich kann es mir jetzt einfach viel besser vorstellen. Ich wünsche euch eine gute Ankunft in Kapstadt! Ja, und morgen hat die lange Wartezeit dann auch für mich endlich ein Ende.
Nochmal vielen herzlichen Dank bei Lars, Jonas und Michael

Liebe Grüße
Camilla
 
  Camilla | Homepage | 10.04.2007, 07:25  
 
 
  Einerseits ist es sehr schade, dass diese Reise jetzt dem Ende entgegen geht. Ich habe mich immer sehr über die tollen Berichte und Fotos gefreut und sie mit Spannung erwartet. Vielen Dank den Berichterstattern und Fotografen. So konnte man auch als Daheimgebliebene diese tolle ereignisreiche Fahrt miterleben. Andererseits ist es ja auch ganz schön, wenn man seine Lieben dann wieder in die Arme schließen kann.
Bbiene
 
  Bbiene | Homepage | E-Mail | 08.04.2007, 20:53  
 
 
  Wie man sieht, war die Taufe ein feucht-fröhliches Ereignis und hat allen Spaß gemacht. Aus zuverlässiger Quelle haben wir erfahren, dass Jonas am Vortag dem Käpt´n die Buddel mit Alkohol entrissen hat. Hat die Flasche gereicht, um alle Täuflinge gefügig zu machen oder mussten die stillen Reserven angezapft werden?
Nun ist es soweit, volle Fahrt auf Kapstadt. Wir freuen uns nach zehn Wochen auf unseren Sohn, auf viele Fotos und den Eindrücken, die er gesammelt hat.
Danke für die tollen Bilder und Berichte von Lars Focke, Jonas Ziegler und Michael Trapp.
 
  Cornelia Ganzert | Homepage | 08.04.2007, 18:26  
 
 
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