14.04.2009  
     
 
78° 13´13´´N/ 15° 39´ 57´´E (Longyearbyen/Spitzbergen)
Warmduscher
 
  In den letzten Tagen auf dem Eis witzelten wir häufig: "Eigentlich fehlt uns jetzt zu unserem Glück nur noch ein Eisbär!" Doch ganz ehrlich, wenn sich uns wirklich ein hungriges, ausgewachsenes Raubtier genähert hätte, wäre wahrscheinlich auch der letzte bei der Kälte verbliebene Rest an Farbe aus unseren Gesichtern gewichen und wir hätten uns vor Angst in die atmungsaktive Hose gemacht. Dieser Gedanke kam mir jedenfalls, als ich heute gemeinsam mit Frank das Svalbard Museum in Longyearbyen besuchte. Dort kann man einem Eisbär gegenüber treten, ohne Gefahr zu laufen, zum Frühstück verschlungen zu werden.


Putzig ist anders

Gleich nach unserer Ankunft auf Spitzbergen hatten wir ein Informationsblatt der Behörden erhalten. "Nehmen Sie die Eisbärgefahr ernst!", stand dort in roten Lettern über einem Bild, das zwei Eisbären vor einem großen blutigen Kadaver zeigte. Die Botschaft dahinter lautete: Der Fleischklumpen könntest du sein. Dann gab es einige Tipps, wie man sich bei einem unfreiwilligen Rendezvous zu verhalten habe. Vor allem sollte man die richtigen Waffen mit sich herumtragen und auch damit umgehen können. Eisbären sind zwar seit 1973 vor der Jagd geschützt, doch zur Selbstverteidigung ist es erlaubt, sie zu töten.

Eintritt für Pistolen und Gewehre verboten!

2000 bis 3000 Eisbären leben derzeit auf Spitzbergen. Kein Wunder also, dass die Einheimischen nicht ohne Waffen die Ortschaften verlassen. Offenbar müssen sie jedoch immer wieder daran erinnert werden, dass die Gefahr, in einem Hotel oder Supermarkt in Longyearbyen auf einen Eisbären zu treffen, relativ gering ist. Auch vor dem Gebäude, in dem die Post und die Bank untergebracht sind, wird auf Schildern daran erinnert, die Knarren gefälligst draußen zu lassen.


Schilder für Schildbürger?

Die Angestellten wollen wohl doch ganz gerne wissen, ob sie es mit einem Bankräuber oder einem vergesslichen Kunden zu tun haben, der gerade von einem Ausflug mit dem Motorschlitten heimkehrt.

Hut ab vor den Pionieren

Im Museum wird mir wieder schlagartig bewusst, wie einsam wir auf unserer Wanderung durch das Eis zum Nordpol waren. Die Walrosse, Robben und Seevögel, die mich hier ausgestopft mit glasigen Augen anblicken, treiben sich am Nordpol wohl nicht oder nur äußerst selten herum. Sie wissen wohl intuitiv, wie lebensfeindlich die Umgebung dort ist.


Franks Blick in längst vergangene Zeiten

Doch auch auf Spitzbergen war das Leben früher extrem hart. Das dokumentieren die im Museum ausgestellten Hütten samt Einrichtung, die im Vergleich zu heute klobig erscheinende Schutzkleidung gegen die Kälte oder auch die Lanzen, mit denen die Menschen früher auf Waljagd gingen. Dagegen sind wir Hobby-Abenteurer der Gegenwart geradezu Warmduscher - auch wenn wir eine Woche lang ohne heißes Wasser ausgekommen sind. Ich gestehe: Am besten hat mir im Svalbard-Museum die Ruhezone mit Robben-Fellen und Kissen gefallen. Frank und ich hatten Schwierigkeiten, uns von dort wieder zu erheben. Fast wären uns die Augen zugefallen. Wir befinden uns nämlich immer noch im Schwarzen Nordpol-Loch, das unsere Energie aufzusaugen scheint. Unsere Körper schreien nach Ruhe. Warmduscher eben.


Auch Schreiberlinge dösen gerne
 
 
 
Stefan Nestler 14.04.2009, 15:46 # 1 Kommentar
 
 
     
  14.04.2009  
     
 
78° 13´13´´N/ 15° 39´ 57´´E (Longyearbyen/Spitzbergen)
Poldi am Pol
 
  Versprochen ist versprochen. Ein Rätsel gilt es noch zu lösen. Die Fahne, die ich zum Nordpol mitgenommen habe, war natürlich die meines lebensbegleitenden Fußballvereins 1. FC Köln. Einige Kommentatoren des Blogs hatten das ja schon vermutet. Da mir mein Schlitten Poldi im Polareis wirklich sehr gute Dienste erwiesen hat (Hoffentlich spielt er in der nächsten Saison auch auf diesem Niveau in Köln Fußball!), war die Wahl auch gerechtfertigt.


1. FC Köln am Nordpol

Der Nordpol scheint jedoch einen anderen Lieblingsclub zu haben. Am Tag unserer Ankunft kollabierten unsere Digitalkameras in Serie. Und auch am nächsten Morgen wehte ein eiskalter Wind. Doch ich hatte so oft davon geredet, wie wichtig dieses Foto für den Blog sei, dass sich Thomas erbarmte und mit blanken Fingern den Auslöser betätigte. Wieder streikte zunächst die Kamera. Eugen und ich hatten zudem Schwierigkeiten, die Fahne im Wind vernünftig zu halten. Erst im dritten Anlauf und nach mehreren deftigen Flüchen war das Bild "im Kasten". Ein Extremfoto.

Kurzvisite auf Borneo

Wir hatten von Victor Boyarsky, dem Leiter der russischen Eisstation Borneo und einem der besten Arktiskenner weltweit, per Satellitentelefon die Information erhalten, dass wir gegen 10.30 Uhr abgeholt würden. Doch schon eine halbe Stunde früher hörten wir das Dröhnen des Helikopters.


Nach einer Woche wieder Motoren-Lärm

In Windeseile packten wir unsere Schlitten und bauten die Zelte ab. Wenig später eilte uns Victor grinsend entgegen und gratulierte uns zu unserem Erfolg. Und schon entschwebten wir Richtung Borneo.
Victor, ein Freund von Thomas, hatte es irgendwie organisieren können, dass wir innerhalb von zwei Stunden einen Anschlussflug nach Spitzbergen erhielten. Die Zeit reichte gerade aus, um die noch gefüllten Benzinflaschen für die Kocher zu leeren und eine heiße Tasse Kaffee zu trinken.


Die russische Eisstation Borneo aus dem Helikopter

In der Antonow-Düsenmaschine verabschiedete sich Victor von uns. Ich fragte ihn, was er davon halte, dass wir die 120 Kilometer in sieben Tagen geschafft hätten. "Eine gute Zeit", antwortete der Russe. "Ihr hattet sehr tiefe, wenig angenehme Temperaturen, dafür aber ganz gutes Eis, wenig Drift - und einen guten Expeditionsleiter."

Unrasiert zum Pfeffersteak

Nach Spitzbergen flogen viele Passagiere mit, die, wie wir, mit Skiern auf dem Eis unterwegs gewesen waren. Einige hatten Frostbeulen im Gesicht davongetragen. Fast alle wirkten müde. Das lag zum einen sicher daran, dass die freiwillig auf sich genommenen Strapazen nun hinter allen lagen, zum anderen aber auch an der heißen Luft in der Kabine. "28 Grad war es warm", meinte Eugen nach der Landung kopfschüttelnd. Der Geruch im Innern war streng, um es vorsichtig auszudrücken. Wenn sich 20 Männer eine Woche lang anstrengen und sich nicht waschen können, müffelt es eben.
Auf Spitzbergen fuhren wir direkt in Thomas´ Lager. Unser Ferienhaus war noch abgeschlossen, der Vermieter hatte uns nicht so früh zurückerwartet. Wir packten unsere Schlitten aus, sortierten die übrig gebliebenen Lebensmittel, hängten die Zelte zum Trocknen auf. Da wir immer noch auf unseren Hausschlüssel warten mussten, beschlossen wir, unser Festmahl vorzuziehen.


Die Nordpolisten: (v.r.) Eugen, Frank, Arnold, Stefan, Thomas

Zum Glück heißt das Restaurant Basecamp und niemand wird schräg angeschaut, wenn er unrasiert, ungeduscht und in Expeditionskleidung dort auftaucht. Wir schlemmten genüsslich (mehrheitlich das von Frank erträumte Pfeffersteak) und tranken dazu ein Bier. Das Leben kann so süß sein.
Inzwischen hatte Thomas auch den Vermieter ausfindig gemacht und wir bezogen wieder das kleine Haus, das in den nächsten zwei Stunden eigentlich nur aus einem Zimmer bestand: dem Bad mit einem vernünftigen WC und einer Dusche, die trotz ausgiebiger Nutzung auch beim Letzten immer noch heißes Wasser versprühte.
Jetzt sehen alle wieder fast wie vor einer Woche aus, vielleicht ein wenig ausgezehrter, aber um unvergessliche Erlebnisse und Eindrücke reicher. Unten sind unsere letzten Meter zum Nordpol auch zu hören.

P.S. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an mein "Hometeam", meinen Sohn Jan, der während unserer Zeit auf dem Eis meine Texte, Bilder und Audios in den Blog gestellt hat.
 
 
 
Audio (mp3): Die letzten 200 Meter bis zum Pol
 
 
Stefan Nestler 14.04.2009, 07:24 # 2 Kommentare
 
 
     
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