23.03.2009  
     
 
50°43´N / 7°07´E (Bonn)
Zauberhaft lächeln
 
 
Nordpol-High-Heels mit Plastiksocke

Wer mitreden will, muss hinsehen. Für deutsche Teenies weiblichen Geschlechts gibt es derzeit einen Fernseh-Pflichttermin: Donnerstagabend, Germany´s Next Topmodel. In unseren frühen Tagen war es Heidi, "Deine Welt sind die Berge", heute ist es Klum´s Heidi, "Deine Welt sind die Laufstege". Der berühmteste Export der Kleinstadt Bergisch Gladbach (nach dem Turner Fabian Hambüchen und Fußballtorwart Tim Wiese) spielt dabei Woche für Woche Richter und Henker: Wer nicht in der Lage ist, auf 40 Zentimeter hohen Absätzen, mit nichts weiter als einer Bandnudel bekleidet, zauberhaft zu lächeln, fliegt raus.

Tipp für Heidi

Vielleicht sollte ich Heidi einen heißen Tipp für eine weitere coole Aufgabe geben. Wie wäre es, die Mädels am heißen Strand von Sydney in die Klamotten eines Nordpol-Wanderers zu stecken, einen Schlitten über den Sand ziehen, einen Benzinkocher anwerfen, gefriergetrocknete Expeditionsnahrung zubereiten und verspeisen zu lassen, um dann das total entspannte Foto des Tages zu schießen? Das wäre eine echte Herausforderung. Vielleicht könnten wir dann ja nach unserer Nordpoltour als Experten mit am Jurytisch sitzen.
Wenn wir unsere Schlitten über das Eis der Arktis ziehen, werden wir gekleidet sein, wie eine Zwiebel aufgebaut ist: Mehrere Häute liegen übereinander. Bereits die Unterwäsche besteht aus drei Lagen Merino-Wolle, die gegenüber synthetischer Funktionswäsche den Vorteil hat, deutlich weniger zu müffeln, wenn sie zum achten Mal durchgeschwitzt wurde. Darüber tragen wir eine wasserundurchlässige, winddichte, aber atmungsaktive Jacke und Hose. Bei Zwischenstopps oder extremer Kälte ziehen wir zunächst eine dicke Daunenweste über, dann noch Daunenjacke und –hose.

Schweißbremse

Inzwischen habe ich ja gelernt, dass besonders Füße, Hände, Nase und Ohren anfällig für Erfrierungen sind. Dementsprechend intensiv werden sie geschützt. Die Füße stecken in dicken Wollsocken. Darüber wird eine Plastiktüte gezogen, damit der Schweiß in der Socke und der Schuh trocken bleibt. Nun schlüpfen wir in einen Innenschuh aus Filz und dann erst in den eigentlichen Kunststoffschuh, mit dem wir auf die Skier steigen.
Auch die Hände sind mehrlagig geschützt: erste Schicht Fingerhandschuhe aus dünner Wolle, zweite Schicht Fäustlinge aus gefilzter dicker Wolle, dritte Schicht winddichte Fäustlinge aus synthetischem Material.


Zeig´her deine Hände!

Zum Schutz des Gesichts haben wir eine dünne und eine Neopren-Sturmmaske, sowie eine leichte und eine warme, winddichte Mütze im Gepäck.

Von den Inuit lernen

Auch wenn es sich größtenteils um hochmoderne Fabrikate handelt, orientiert sich unsere Bekleidung im Prinzip an der traditionellen der Inuit. Denn die Bewohner der Arktis trugen, bevor auch bei ihnen die synthetischen Materialien Einzug hielten, mehrere Schichten aus Tierhäuten und Pelzen übereinander. Die Luft dazwischen wirkte isolierend und wärmte. Ihre Lederstiefel fütterten die Inuit mit Fell, rieben die oberste Lage der Hosen und Kapuzenjacken mit Fett ein und machten sie so wasser- und winddicht.
Das wäre dann vielleicht etwas für die letzte Runde in Heidi Klums Show: Sie könnte die noch verbliebenen Kandidatinnen in mit altem, stinkenden Tran getränkte Ledermäntel stecken und sie von hungrigen Eisbären über den Laufsteg jagen lassen. Und bitte schön, zauberhaft lächeln!
 
 
 
Stefan Nestler 23.03.2009, 19:49 # 0 Kommentare
 
 
     
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