16.03.2007  
     
 
Kommerzielle Expeditionen – eine Gratwanderung
 
 

Die Auswüchse am Mount Everest haben die kommerziellen Expeditionen in Verruf gebracht: Dort finden sich zuweilen zahlende Kunden, die kaum Bergerfahrung haben, sich aber auf den höchsten Gipfel der Erde bringen lassen wollen – gezogen von Sherpas, die dazu noch das gesamte Gepäck schultern. Schon in 5000 Metern Höhe greifen manche Everest-Anwärter zu künstlichem Sauerstoff.

„Mit dem Moped bei der Tour de France“

„Das ist so, als würde jemand mit dem Moped die Tour de France mitfahren und sich in Paris zum Sieger küren lassen. Mit Bergsteigen hat das nichts mehr zu tun“, findet Ralf Dujmovits.
Seit 17 Jahren bietet er mit seinem Unternehmen „AMICAL alpin“ Expeditionen im Himalaya und Karakorum an. Die höchsten Achttausender wie Mount Everest und K 2 hat Dujmovits aber seit langem aus seinem Angebot herausgenommen. „Nach einer Nacht in der Todeszone über 8000 Metern sind wir auch als erfahrene, leistungsstarke Bergführer selbst so geschwächt, dass wir bei einem Notfall nicht mehr helfen könnten.“
Wenige Veranstalter verzichten auf die sprudelnde Einnahmequelle Mount Everest. Jahr für Jahren drängeln sich mehrere hundert Bergsteiger aus kommerziellen Expeditionen in den Basislagern auf der nepalesischen und der tibetischen Seite.

Gipfel wichtiger als Abenteuer

Neben dem Prestige-Berg Mount Everest sind die technisch einfacheren Achttausender Cho Oyu und Shishapangma die bevorzugten Ziele der zahlenden Kunden. Dort ist die Chance relativ groß, den höchsten Punkt zu erreichen. „Die Leute gehen dem eigentlichen Abenteuer aus dem Weg“, sagt Dujmovits, „sie haben viel Geld, Zeit und Kraft eingesetzt, da wollen sie auch einen Gipfel mit nach Hause bringen.“

Fehlerhafte Selbsteinschätzung

Ralf Dujmovits legt bei seinen Expeditionen großen Wert auf die Auswahl der Teilnehmer. Er behält sich auch vor, Kunden abzulehnen, wenn er glaubt, dass sie mangels Erfahrung für die Expedition nicht geeignet sind. Seit einiger Zeit beobachtet Dujmovits, dass es den Bergsteigern zunehmend an richtiger Selbsteinschätzung fehlt: „Viele haben das große Ziel schon so in ihrem Ego verankert, dass sie trotz stichhaltiger Argumente kaum noch davon abzubringen sind.“

„Ein Stück weit lebensgefährlich“

Wahrscheinlich verdrängen die Hobby-Bergsteiger, dass selbst bei perfekter Organisation und bestem Risikomanagement durch einen kommerziellen Veranstalter der Ausflug zu den höchsten Bergen der Welt tödlich enden kann. Ralf Dujmovits nimmt kein Blatt vor den Mund: „Das Bergsteigen wird auch weiterhin ein Stück weit lebensgefährlich bleiben. Das gehört einfach zu unserem Sport dazu.“
 
 
 
Audio (mp3): Kommerzielles Bergsteigen
 
 
Stefan Nestler 16.03.2007, 16:08 # 0 Kommentare
 
 
     
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