| |
Tilman Brück forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Wir sprechen mit Tilman Brück über die Auswirkungen der Globalisierung.
DW-TV: Tilman Brück vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist heute bei uns zu Gast im Studio. Das Beispiel Bolivien zeigt doch eigentlich, dass die Menschen oft nur die Wahl haben zwischen Pest oder Cholera. Also entweder ist das Wasser verseucht, oder aber unbezahlbar.
Tilman Brück: Das Problem ist nicht die Privatisierung der Wasserwerke an sich, sondern diese Maßnahme muss ergänzt werden durch unterstützende und soziale Maßnahmen, die den Leuten helfen, dass sie sich das Wasser leisten können. Auch in Deutschland gibt es ja das Brot in der Bäckerei nicht umsonst, sondern arme Leute in Deutschland kriegen staatliche Unterstützung, um sich dann das Brot kaufen zu können.
DW-TV: Das heißt, staatliche Unterstützung für die armen Menschen, damit die Unternehmen den Profit aus den armen Ländern rausziehen können?
Tilman Brück: Etwas Profit muss sein, sonst gibt es keine Anreize für Unternehmer zu investieren. Wichtig ist, dass die Wasserwerke effizient organisiert werden, so dass kein Wasser vergeudet wird. Und das kann manchmal die Privatwirtschaft besser als der Staat.
DW-TV: Kann es denn überhaupt einen fairen Welthandel geben, oder ist das nur ein versponnener Wunschtraum von Utopisten wie Jeffrey Sachs?
Tilman Brück: "Fair" ist ein subjektiver Begriff, den kann man sehr schwer in der Praxis umsetzen. Aber sicherlich kann der Welthandel verbessert werden und für beide Seiten langfristig zum Gewinn gemacht werden. Ein Beispiel sind die Agrarsubventionen der reichen Länder: da schützen wir eine ganz kleine Minderheit unserer eigenen Bevölkerung und schneiden auch unseren Konsumenten von Agrarprodukten ein bisschen das Wasser ab. Die leiden auch darunter, dass wir so hohe Preise zahlen. Viele Leute würden vielleicht lieber auch Nahrungsmittel aus anderen Ländern importieren, statt die teuren deutschen Produkte zu kaufen.
DW-TV: Wie realistisch sind dann die Ansätze von Jeffrey Sachs?
Tilman Brück: Die sind eigentlich sehr realistisch. Er ist eher Realist, nur müsste man es mal tun. Die Regierungen im Norden haben zu wenig politischen Druck, um diese Reformen auch tatsächlich intern umzusetzen.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: DW-TV: Nehmen wir noch ein anderes Beispiel, bei dem die Unterschiede zwischen den Kontinenten sehr deutlich werden. Es geht um den Klimaausstoß, und da sehen wir eine Grafik und darauf die sehr unterschiedliche Entwicklung. Momentan natürlich die USA der größte Umweltverschmutzer, aber die Schwellenländer holen da sehr stark auf. China zum Beispiel: im vergangenen Jahr fast 4,5 Milliarden Tonnen CO2-Ausstoß. Jetzt gibt es ja die ersten Anbahnungen, dass man sagt, wir müssen etwas gegen den CO2-Ausstoß machen. China und die anderen Schwellenländer sagen: wir sehen das nicht unbedingt ein, wir sind nicht für den "status quo" verantwortlich. Außerdem müssen wir rasant wachsen, und das geht nun mal einher mit dem starken Ausstoß von CO2. Da gehen den Industriestaaten die Argumente schon schnell aus, oder?
Tilman Brück: Der Punkt ist, dass sich die Geschichte in diesem Fall nicht unbedingt wiederholen muss. So wie Deutschland und auch die USA gewachsen sind und zum Teil noch wachsen, so muss China nicht wachsen. Wir haben eine neue Weltwirtschaftsordnung mit der Globalisierung, mit dem technischen Wandel, mit dem Internet. Es gibt neue Technologien, die auch China einsetzen kann, um Kosten zu sparen und die Umwelt zu schonen. Da muss ein Lernprozess in China einsetzen, dass langfristig wir alle gemeinsam handeln müssen, da darf es keine Ausnahmen geben. Das Wasser steht uns bis zum Hals, wir müssen gemeinsam handeln, damit wir nicht untergehen.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: DW-TV: Wir haben eine neue Wirtschaftsordnung, haben Sie eben gesagt, wir haben aber die alte G8-Gruppe. Länder wie China und Indien sitzen da jedes mal eher am Katzentisch dabei, gehören aber nicht richtig dazu. Muss sich da nicht erst etwas ändern, bevor wir die Reformen konkret angehen können?
Tilman Brück: Ich glaube, da sind die Erwartungen an den G8-Gipfel zu hoch. Das ist ursprünglich ein informeller Gesprächskreis gewesen, und eigentlich sollte er das auch bleiben. Sowohl die Gegner der G8, als auch die Betreiber betonen eigentlich zu stark, was man davon erwarten kann. Letztendlich ist es gut, wenn die Leute miteinander reden, aber die Entscheidungen sollten schließlich im multilateralen Rahmen, z.B. von der UN, getroffen werden, und da sitzen alle Länder mit am Tisch.
Interview. Thomas Helfrich
|
|