
| 04.11.2006 |
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| Ich habe in diesem Blog so viele Einträge geschrieben, wie ich Jahre alt bin: 34. Reiner Zufall. Ich habe diese Reise wochenlang vorbereitet, am Ende war vieles Zufall. Zum Beispiel, dass ich genau an dem Tag, als Evo Morales Geburtstag feierte, auch im Chapare war. Schoener Zufall. Da gab es zwar kein Interview, ich hatte aber an meinem letzten Tag einen Termin sicher. Dann hat Evo Schnupfen bekommen, sagte alle Termine ab. Das war dummer Zufall. Trotzdem, im Grossen und Ganzen hat alles gut geklappt. Das habe ich vor allem den zahlreichen Leuten vor Ort zu verdanken, die mir mit Kontakten geholfen haben. Ohne Kontakte geht in Bolivien und Venezuela nichts. Ein gutes Wort zählt Tausend mal mehr als eine offizielle Interviewanfrage. Ich habe mir überlegt, welches Foto ich zum Abschluss veröffentlichen soll. Ich habe eine kleine Collage gemacht mit einigen der Kinderfotos, die ich geschossen habe. Für die meisten gab es keinen Anlass zur Veröffentlichung. Es waren einfach nette, fröhliche Begegnungen. ![]() Vielleicht fragen Sie, wozu nur der ganze Aufwand. Eines hat mir die Reise gezeigt: Was Venezuela und Bolivien fehlt, ist eine differenziertere internationale Berichterstattung, die sich nicht nur darauf beschränkt, die verbalen Ausfälle eines Hugo Chávez oder Evo Morales zu dokumentieren. Die Präsenz internationaler Medien ist in diesen Länder gering. Die Folge: Radikale Kräfte bekommen mehr Aufmerksamkeit als gemässigte, da sie in der Logik der Medien einen höheren Nachrichtenwert haben. Als Chávez Bush als Teufel bezeichnete, war das in allen Nachrichten. Und selbstkritisch will ich noch folgendes anmerken: Oft versuchen wir westlichen Journalisten, mit den Konzepten und Sichtweisen aus unserem Kulturkreis die Ereignisse in Laendern wie Bolivien oder Venezuela zu bewerten. Nur leider funktioniert das nicht so richtig. Begriffe wie Links oder Rechts im europäischen Sinne lassen sich nicht so einfach überstülpen. Sie können auch ein Demokratieverständnis, wie es in Deutschland üblich ist, nicht einfach eins zu eins auf Bolivien oder Venezuela übertragen. Das muss zu Fehlinterpretationen führen. Wer sich nur ein wenig mit Bolivien auseinandersetzt, dem wird ganz schnell schwindelig angesichts der Komplexität des Landes. Ähnlich ist das mit Venezuela, aber auch mit Chile oder Brasilien. Luna, Geraldo und ich stehen nun vor der Herausforderung, uns der Realität von vier Ländern Lateinamerikas anzunähern. Das ist jetzt die Aufgabe für die nächsten Wochen. Das Special gibt es dann Ende November. Vielen Dank an alle Leser, die mir die Treue gehalten haben, vielen Dank auch für die vielen netten Kommentare. Sie haben mir immer wieder Antrieb gegeben, oft auch nach Mitternacht mich noch mal an den Rechner zu setzen. Hasta pronto! |
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| 02.11.2006 |
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In vielen Ländern Lateinamerikas wird Allerheiligen mit einem großen Fest gefeiert. Eigentlich sind es zwei Tage. Am 1.11, um 12 Uhr Mittag, so der Glaube in Bolivien, kommt die Seele des Toten zu Besuch. Und er soll es ja gemütlich haben und sich zu Hause fühlen. Auf einem Tisch wird ein Foto aufgestellt, dazu legt die Familie, Dinge, die der Tote besonders gemocht hat. Das können ein Teller mit seinem Lieblingsgericht, Zigaretten, Süßigkeiten oder Bier sein. Außerdem werden Brote in Form von Menschen gebacken und drum herum aufgebaut. ![]() Dann verbringt die trauernde Familie den Tag mit dem Toten. Man trinkt und spricht miteinander, die Nachbarn schauen vorbei. Die Fotos habe ich in einem kleinen Dorf in den Yungas gemacht. Eine Familie hatte uns eingeladen, mit ihnen ein Glas Zuckerrohrsaft zu trinken. Am nächsten Tag verabschiedet sich die Seele wieder. Dafür gehen die Menschen auf den Friedhof, nehmen Essen und Trinken mit. ![]() Ich bin am Donnerstag auf den Zentralfriedhof von La Paz gegangen. Es gab kaum ein Durchkommen. Überall sitzen die Familien zusammen vor dem Grab, singen Lieder, die der Tote besonders gemocht hat. Mit dem Brauch, mit dem Toten zu essen und zu feiern, bringen die Menschen ein Stück Normalität auf den Friedhof. Der Tod wird nicht verdrängt, er ist Teil des Lebens. |
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| 02.11.2006 |
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Auf dem Foto sehen sie das Haus und die Schwester von Felix Barra, dem Vizeminister für Kokaanbau und integrale Entwicklung. ![]() Barra wohnt im Dorf Chicaloma in den Yungas. Es lag auf dem Weg. Deshalb haben wir vorbeigeschaut, doch Felix Barra war nicht da. Kabinettssitzung in La Paz, sagt uns seine Schwester. In den Yungas und speziell in Chicaloma wohnen noch viele Afrobolivianer. Das sind Nachkömmlinge der Sklaven, die von den spanischen Kolonialherren von Afrika nach Bolivien gebracht wurden, um dort in den Minen zu arbeiten. Später wurden sie in die Yungas umgesiedelt. Bis heute haben sie ihre eigenen Traditionen bewahrt. Sie wurden stark diskriminiert, mit der Ernennung von Felix Barra zum Vizeminister haben sie nun eine Stimme in der Regierung. ![]() Die Schwester fährt mit uns zu einem der Kokafelder ihres Bruders. Hier wird gerade geerntet, es sind allesamt Frauen und Familienmitglieder von Felix Barra. Die Damen sind so nett und posieren für ein Foto. Dafür trage ich den Sack mit den Kokablättern hoch zur Straße. Ich hatte ja schon erwähnt, dass in den Yungas der Kokaanbau legal ist. Seit Inkazeiten wird in dem schwer zugänglichen, aber wunderschönen Gebiet Koka angebaut, vor allem für den Verzehr. Hier wächst der Kokastrauch viel langsamer als im Chapare, braucht ein bis zwei Jahre, um eine anständige Ernte einzubringen, im Chapare nur sechs Monate. Angebaut wird er an den steilen Hängen, das ist nicht nur Knochenarbeit, bringt auch Umweltprobleme wie Erosion mit sich. Drei bis vier mal pro Jahr wird geerntet, die Pflanze laugt den Boden stark aus. ![]() Später treffe ich noch den Kokabauern Felipe. Er ist gerade dabei die Ernte des Tages zu trocknen. Die Blätter werden dafür auf Steinboden ausgebreitet. Sie brauchen einen halben Tag, dann sind sie fertig für den Transport. Felipe schaut immer wieder zum Himmel. Jetzt ein Schauer und die Ernte kann man wegschmeißen. Für Felipe ist der Kokaanbau seine Lebensbasis. Er ist aber so wie die meisten anderen Bauern für Alternativprodukte aufgeschlossen. Das Problem: Baut er zum Beispiel Zitrusfrüchte an, ist er auf eine gute Infrastruktur angewiesen. Die Ware muss schnellstens auf den Markt. Doch die Straßen in den Yungas sind – wie beschrieben – schlecht, zum Teil lebensgefährlich, oft gibt es Erdrutsche oder sie werden weggespült. Dann ist kein Durchkommen und die Ware vergammelt. Außerdem werden die Yungas immer wieder von fiesen Plagen heimgesucht, die über die Mandarinenbäume oder Bananenstauden herfallen. |
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| 01.11.2006 |
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Verkehrsschilder sind in Bolivien selten, Straßenmarkierungen fehlen oft ganz. Ich habe noch nie so viele Kreuze am Straßenrand gesehen, wie in Bolivien. Die Strecke von La Paz in die tropische Yungas-Region gilt als eine der gefährlichsten Straßen der Welt. Erst fährt man auf fast 5000 Meter hoch, von dort geht es mehr als 3000 Höhenmeter bergab. Es ist inzwischen eine Touristenattraktion, die Strecke mit dem Mountainbike zurückzulegen. Es ist wahrscheinlich sicherer als mit dem Auto.![]() Es gab in der Yungas-Region in diesem Jahr bereits mehr als 100 Verkehrstote. Meistens stürzten Lastwagen die steilen Hänge hinunter, als sie versuchten einem Fahrzeug auszuweichen. Die Schotterpiste hat Hunderte Kurven, von oben tropft oder regnet es, Nebelschwaden wandern die Hänge entlang. Manchmal fallen Steine oder es rutscht die Erde. ![]() Es wird viel gehupt, doch das hilft nicht immer. Deshalb gibt es die "menschlichen Ampeln". Die stehen an besonders unübersichtlichen Stellen und winken mit einer grünen Plastikfolie, wenn kein Gegenverkehr naht. Manche machen das schon seit 20 Jahren, die Auto- und Lastwagenfahrer werfen ihnen Geld zu. Das ist ihr Lohn. ![]() Ich war auf jeden Fall froh, als ich in Coroico, einer der größeren Orte der Yungas-Region, heil angekommen bin. Künftig wird die Fahrt in die Yungas sicherer. Eine neue Strasse steht kurz vor der Einweihung. |
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| 31.10.2006 |
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Sie haben die Fotos gesehen: Weite Teile der Strecke von Cochabamba nach La Paz führen über die kärgliche Hochebene. Grasbüschel, kilometerweit, dazwischen Pfützen, kahle Flächen und vereinzelte Siedlungen. Ich habe mich gefragt, wie die Leute hier überleben können. Sie bauen Bohnen und Kartoffeln an, züchten ein paar Schaafe und Alpacas, zwischen den Grasbüscheln und den Pfützen. Wenn der Wind nicht pfeift, ist es still auf der Hochebene, manchmal zu still zum Überleben. Die Folge: die Menschen ziehen weg, sie strömen gen La Paz. Die Stadt selbst hat keinen Platz mehr, sie liegt in einem Tal. Deshalb ist auf der Hochebene, um den Flughafen herum, in den letzen Jahren eine wild wuchernde Stadt entstanden: El Alto. ![]() Es ist die am schnellsten wachsende Stadt Lateinamerikas, inzwischen leben in El Alto rund ein Million Menschen. Alleine sollte man El Alto lieber nicht besuchen. Es ist nicht ganz ungefährlich. Die Kriminalitätsrate ist hoch, Gangs haben in vielen Teilen das Sagen. El Alto ist ein wichtiger Umschlagplatz für Drogen. ![]() ![]() Das Fotografieren war nicht sehr angenehm, viele Leute wollen nicht fotografiert werden. Wenn man fragt, muss man zahlen. Auf der Straße sieht man viele Jungen, die als Schuhputzer arbeiten. Sie sind vermummt, aus Scham. Sie wollen nicht erkannt werden von ihren Gang-Kumpanen oder ihren Schulkameraden. ![]() Wer sich nicht auskennt, ist bald verloren. Die Straßen gleichen sich, die Menschen strömen in alle Richtungen, es gibt kein Zentrum, nur Fläche. El Alto ist ein riesiger Markt. Hier bekommt man alles, vom Kaninchen bis zum Auto. El Alto wächst, täglich. Krankheiten sind verbreitet, wegen mangelnder Hygiene. Es fehlt an sauberem Wasser. ![]() An den Rändern der Riesensiedlung spürt man, dass die Bewohner von El Alto vom Land sind. Sie bauen ihre Hütten aus Lehm, so wie in ihren abgelegenen Dörfern. Irgendwann holen sie sich dann Ziegelsteine, bauen sich Häuser. Dem Wachstum sind keine Grenzen gesetzt, die Hochebene ist weit. Die nächsten Tage fahre ich in die Yungas, die tropische Region nördlich von La Paz. Das Gebiet ist ziemlich unwegsam. Ich hoffe, ich habe Internet. |
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| 30.10.2006 |
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Casimira Rodriguez ist für mich die emblematischste Figur der Regierung von Evo Morales. Sie ist Quechua, arbeitete jahrelang wie eine Sklavin als Hausangestellte. Mit 14 hatte sie ihr Dorf verlassen, ging in die Stadt und rannte in die offene Ausbeutung. Irgendwann, als sie "die Angst verloren" hatte, wie sie sagt, trat sie der Nationalen Vereinigung der Hausangstellten von Bolivien bei, wurde deren Präsidentin und kämpfte gegen die Diskriminierung von jungen Frauen. Dafür erhielt sie international viel Anerkennung. Ihr Weg kreuzte sich häufig mit dem von Evo Morales.![]() Heute ist sie Justizministerin in der Regierung Morales, zuständig außerdem für das Thema Menschenrechte. Sie gehört zu den maßvollen Stimmen im Kabinett. Gewalt lehnt sie strikt ab, sie setzt auf Konsens, obwohl sie permanent angefeindet wird, von jenen Sektoren, die über Jahrzehnte sich wie die Maden vom Speck von einem korrupten Justizsystem fett fraßen: Anwälte, Richter, Staatsanwälte. Casimira Rodriguez, eine Indigene, ohne Studium hat es gewagt, diese Pfründe in Frage zu stellen. Etwas Schlimmeres hätte der bestechlichen Justiz-Elite nicht passieren können. Freie Momente hat Casimira Rodriguez selten. Gestern war sie bis spät in der Nacht bei der Unterzeichnung der neuen Verträge zwischen der Regierung und den Erdgasfirmen dabei. Heute Morgen hatte sie ein paar freie Stunden. Wir sind in ein kleines Dorf am Titicacasee gefahren, dem höchstgelegenen schiffbaren See der Welt (etwa auf 3900 Meter). Wir aßen Forelle und ließen uns in einem Bötchen in der Nähe des Ufers ein paar Mal im Kreis herumfahren. ![]() Wir haben danach lange gesprochen, über ihr Leben und ihre Arbeit (für unser Special Ende November werde ich ein Porträt über Casimira Rodriguez schreiben). Sie hat mir erzählt, was es bedeutet für die Indigenen in Bolivien, nun mitreden zu dürfen bei politischen Prozessen. Wir haben viel gesprochen über den stark entwickelten Gemeinschaftssinn in den andinen indigenen Kulturen und wie sie dieses Wissen ihrer Vorfahren in ihre Arbeit integrieren will. Von marxistischen Theorien war nichts zu hören. Die weiße Oberschicht wirft Morales vor, nur die Interessen der Indigenen zu vertreten und den Rest auszuschließen. Es mag Kräfte in der Regierung von Morales geben, die solch einen Kurs fahren. Casimira Rodriguez gehört nicht dazu. |
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| 29.10.2006 |
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| Ich bin gegen die Diskriminierung von außergewöhnlichen Pflanzen wie dem Kokastrauch. Was spricht eigentlich dagegen, Teebeutel mit Kokablättern zu exportieren? Was ist falsch, wenn Menschen auf ein paar Blättern herumkauen, damit ihnen die Höhe nicht zusetzt? Das muss mir die internationale Gemeinschaft mal erklären. Warum fällt es ihr so schwer, zwischen Droge und Heilpflanze zu unterscheiden? (Über die widersprüchliche Politik können Sie sich in unserem Special ab Ende November infomieren) Dabei hätte Kokatee gute Marktchancen. Wäre es nicht schön, wenn all die Bergsteiger oder Himalaya-Touristen sich für ihre Touren guten Gewissens ein paar Päckchen Kokatee in den Rucksack packen könnten? Ich habe den Selbstversuch gemacht: Kokablätter gekaut und Kokatee getrunken, dann bin ich mit dem Auto nach La Paz gefahren. Der höchste Pass lag bei rund 4500 Meter. Die Höhe habe ich kaum gespürt, nur ein leichtes Kopfdrücken. ![]() Das letzte Mal, als ich auf über 4000 Meter war, in Nordargentinien, bin ich fast kollabiert. Mir war schwindelig, übel, mein Atem schwer. Es war so schlimm, dass mir ein Sanitäter mit der Sauerstoff-Maske helfen musste. Damals hatte ich keine Vorkehrungen getroffen. Diesen Text schreibe ich jetzt gerade im Hotel in La Paz auf 3800 Meter, in der am höchsten gelegenen Stadt der Welt. Ich fühle mich fit. ![]() La Paz ist übrigens die letzte große Station auf meiner Reise, die letzte Blogwoche hat begonnen. Ich bin froh, dass ich nicht geflogen bin, sondern mit dem Auto die rund 400 Kilometer von Cochabamba nach La Paz gefahren bin. Die Fahrt war abwechslungsreich. ![]() Das Thema Koka wird die nächsten Tag noch ein paar Mal auftauchen. Ich plane nämlich eine Tour in Los Yungas, der tropischen Region von La Paz. In der schwer zugänglichen Region wird traditionell Koka angebaut. Dafür werde ich wieder radikal absteigen müssen, von 4000 auf 600 Meter. |
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| 28.10.2006 |
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| Kunan puntschay mana munanitschu jan kayta munani samaricuyta. Das ist ein Satz in der Quechua-Sprache und heißt so viel wie: "Wie geht’s? Ich habe gerade gar keine Lust zu arbeiten und möchte jetzt lieber ein wenig faulenzen". Nicht, dass das auf mich zuträfe... Ich habe inzwischen die dampfigen Tropen hinter mir gelassen, ich gewinne an Höhe. Heute habe ich Totora besucht. Das liegt auf etwa 3000 Meter, rund 150 Kilometer südlich von Cochabamba. ![]() Von den 2000 Einwohnern des kleinen Ortes sind fast 100 Prozent Quechua, neben den Aymara die wichtigste Gruppe von Indigenen im bolivianischen Hochland. Die Architektur erinnert zwar noch stark an die spanischen Kolonialherren, die den Ort gegründet haben. Sie sind aber längst emigriert. Zu ärmlich erschien ihnen das Leben. Es ist sehr trocken, der Boden sieht dürr aus. Die Leute leben fast ausschließlich von der Landwirtschaft, vor allem vom Weizenanbau. Fast alle Bewohner, mit denen ich spreche, erzählen mir, dass sie gerne hier leben. Der Kontakt zur Pachamama, der Mutter Erde, ist intakt. ![]() Ich besuche die Schule, frage die die Jungen und Mädchen, ob sie nicht nach der Schule woanders hingehen wollen, in die Stadt zum Studieren. Die überraschende Antwort auch hier: Nein, wir wollen hier bleiben. Viele leben in Totora im Internat oder haben mit ihren Geschwistern ein Zimmer gemietet. Die Eltern leben oft kilometerweit weg, verstreut, nur über holprige Pisten zu erreichen. Die Jugendlichen hören gerne Hip Hop oder House-Musik, Pop und Rock, eben wie fast alle jungen Menschen. Einer zeigt mir ein paar seiner Breakdance-Kunststücke. ![]() Zehn Minuten später üben die jungen Leute traditionellen Quechua-Tanz für eine Aufführung am Wochenende. Am Nachmittag treffe ich die Jugendlichen mit Eltern und Verwandten auf einem Feld. Es ist Kinderolympiade. ![]() Die jungen Leute versuchen zwei Kulturen in sich zu vereinen. Mit ihren Familien und Freunden sprechen sie meist Quechua, im Unterricht in der Regel Spanisch. Tradition und Moderne treffen aufeinander. Es muss daraus kein Konflikt entstehen. Jetzt da wir Indigenen eine Stimme haben, sagen sie mir, kann sich eine neue Identität entwickeln. Und die werde Bolivien helfen, seine Konflikte zu überwinden. |
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| 27.10.2006 |
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| Ich war auf Evos Geburtstag. Er ist jetzt 47. Er hat sich gut gehalten, früher hat er viel Sport gemacht. Zu seiner Geburtstagsfete ist er ins Chapare gekommen, dort wo sein Aufstieg begann. Vom Kokabauern bis hin zum Präsidenten. Hier lieben und achten sie ihn, er liebt und achtet die Bewohner des Chapare. Sie stehen zu ihm, auch jetzt, da im Rest des Landes die Basis längst nicht mehr geschlossen hinter Morales steht. Er hat zu viele Konfrontationslinien aufgemacht, durch unüberlegte Äusserungen sich mehrmals in Bedrängnis gebracht. Auf die Feier durfte jeder kommen, von Sicherheitskontrollen keine Spuren, ein paar Bodyguards. Hier im Chapare ist Evo der Unantastbare zum Anfassen. Gleich bekamen Evo und die Ehrengäste einen Kranz aus Blumen und einen aus Kokablätter umgehängt. Dann gab es Geschenke. Der kubanische Botschafter überreichte ein Foto mit Evo und Fidel, ein Foto mit Fidel und dessen Bruder Raul und einen Trainingsanzug in den kubanischen Nationalfarben. Die neuen kubanischen Ärzte, die jetzt die Bolivianer kostenlos behandeln werden, waren auch als Geschenk mitgekommen. ![]() Ich habe Evo Glückwünsche aus Deutschland zu gerufen, ich glaube, er hat es gehört, er winkte kurz zu mir rüber. Ein Interview gabs aber nicht. Es ist zurzeit schwer einen Termin zu bekommen, überall muss Evo irgendwelche Brände löschen. Es war alles wie bei einer großen Familienfeier, ich vergaß irgendwann, dass Evo Morales ja der Präsident von Bolivien ist. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie solch eine Feier wohl mit Horst Köhler ablaufen würde. Ich hab den Versuch wieder abgebrochen. ![]() Für Evo Morales war der Geburtstag sicher nicht besonders entspannend. Ständig wurde er geknuddelt, geküsst, permanent wurde er mit Bergen von Konfetti und Blütenblättern beworfen. Er musste Kerzen auf vier riesigen Torten ausblasen, sich zum Tanz auffordern lassen und von einer unendlichen Schlange Menschen Geschenke annehmen. Auch für mich war das alles keine Erholung. Den ganzen Tag war ich hinter Felipe Caceres her, dem Anti-Drogen-Zaren und Kumpel von Evo Morales, für ein Interview. Drei Mal haben wir uns im Laufe des Tages getroffen, immer kam etwas dazwischen. Auf der Feier haben wir dann zusammen Bier getrunken und beschlossen, das Interview in La Paz zu führen. Ich hoffe, das klappt noch. ![]() Als die Ehrengäste die Hälfte ihrer Kokakränze aufgekaut hatten, begannen die kubanischen Ärzte zu tanzen. Evo saß auf einem Stuhl, nippte an seinem Bier, wischte sich das Konfetti aus dem Gesicht und schaute auf das kleine Fussballtor, das in der Festhalle stand. Früher spielte er mit seinen Freunden von der Koka-Gewerkschaft Fussball im Chapare. Diese Zeiten sind vorbei. Morgen um fünf Uhr morgens beginnt die Kabinettssitzung. |
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| 26.10.2006 |
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| Felipe war so nett mir sein Cato Koka zu zeigen. Ein Cato ist eine indianische Maßeinheit von 40 auf 40 Meter. Jedes Mitglied in der Koka-Gewerkschaft darf ein solches Cato im Chapare, der Region nordöstlich von Cochabamba, anbauen. Felipe erntet drei Mal im Jahr, die Kokablätter verkauft er auf dem Markt (Foto unten), sie werden zur Herstellung von Kokatee oder zum traditionellen "pijchar" (Kauen) verwendet. Es gibt eine perfekt ausgebaute Straße durchs Chapare, von dort aus führen Pisten in den Dschungel und zu den Kokafeldern. Die Wege haben verdammt große Schlaglöcher, da es ständig regnet sind sie schlammig. Eine halbe Stunde immer gerade aus, dann rechts, da wohnt Felipe mit seiner Frau. ![]() Felipe baut nicht nur Koka an, er hat auch noch 30 Kühe. Zum Kokafeld geht es über die Weide, ich wate durch schlammiges Wasser, balanciere auf Holzbalken über trübe Bäche, die Kamera rutscht mir fast aus der schweißnassen Hand. Als wir dann endlich beim Kokafeld sind, der Moskitoangriff. Der Mückenschutz nützt nicht, die Hose nützt nichts, das Armfuchteln auch nicht. Die Chitinrüssel bohren sich überalll durch meine Haut. Wir bleiben nur einen Augenblick. ![]() Dabei sind die Kokaplanzen von Felipe so schön anzusehen. Manche tragen Blüten, Blätter und Samen zugleich. Felipe, der aus der Minenregion Potosí ins Chapare kam, will nicht als Drogenhändler abgestempelt werden. Sein Koka sei ökologisch. Und Koka bringt nun mal am meisten ein. Für einen Zentner Kokablätter bekommt er etwa 130 Euro. Für die gleiche Menge Bananen gibt es 5 Dollar. Die USA haben Hunderte Millionen Dollar investiert, um die Alternative zu finden, die eine Frucht, die das Koka ersetzt. Gefunden haben sie sie nicht. In den 1980er und 1990er Jahren haben sie mit allen Mitteln versucht, die Kokapflanze mit Gewalt auszurotten. Kein Erfolg. Stattdessen gab es Tote. Die EU verfolgt eine andere Strategie. Sie setzt auf integrierte Entwicklung. Sie unterstützt die Region beim Ausbau von Infrastruktur und hofft so, dass der Kokaanbau irgendwann verdrängt wird. ![]() Heute stimmt die Behörde, die den Kokaanbau überwacht, mit den Gewerkschaften der Kokabauern ab, wo sie die Kokafelder kontrollieren wird. Erst dann rückt sie aus, und zerstört die Felder, wenn sie die erlaubte Fläche überschreiten. Trotzdem kommt es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Auch wenn sich der internationale Drogenhandel immer mehr in die Tiefen des Urwalds verzieht. Im Chapare räumen die Behörden ein, dass es sogar mehr Drogenhandel gibt als früher. Für viele ist die Legalisierung der einzige Ausweg. |
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