16.12.2009  
     
 
Kopenhagen/Potsdam - 16. Dezember
Telepräsenz aus Kopenhagen
 
  Heute habe ich zum ersten Mal ein Interview per "Telepresence" geführt. Aus dem Bella Center in Kopenhagen sprach ich so mit einer Journalistin in München.

Wir sahen uns jeweils gegenüber in voller Lebensgröße auf einer gestochen scharfen Bildschirmwand, mit bester Tonqualität, kein Ruckeln, keine merkbare Zeitverzögerung – fast so, als wären wir im gleichen Raum.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass mit dieser Technologie viele Flüge eingespart werden können. Beispiel: einige Wochen vor Kopenhagen sollte ich zu einem einstündigen Briefing in das UN-Hauptquartier in New York kommen. Ich konnte das dann nicht mehr einrichten, so kurzfristig nach New York zu fliegen. Aber so etwas hätte man aus meiner Sicht problemlos auch mit einem Videolink machen können (ich hatte das der UN damals sogar angeboten, aber sie wollten das nicht).

Ich habe auch schon mehrmals Fernvorträge vor Konferenzen in USA oder Europa gehalten – allerdings noch nie mit einer so guten "Telepresence"-Technik. In einem Fall wurde nur mein Ton per Telefonleitung und meine Powerpoint-Präsentation als Bild nach Kalifornien übertragen. Einmal habe ich vorher den ganzen Vortrag auf Video aufgezeichnet und hingeschickt (das war also nicht interaktiv). Einmal hatten wir zwar gegenseitig Bild- und Tonverbindung von Berlin nach Amsterdam, aber von recht schlechter Qualität. Immer war es recht unbefriedigend. Dieses mal nicht.

Allerdings muss man – wie immer bei solchen neuen Technologien – aufpassen. Wenn es Flüge ersetzt, ist es für das Klima sehr gut. Wenn man aber anfängt, einfache Telefonkonferenzen durch Telepresence zu ersetzen, dann ist die Klimabilanz sicher schlecht. Denn diese Technik dürfte (eine genaue Analyse kenne ich noch nicht) sicher nur einen Bruchteil der Emissionen eines Fluges verursachen, aber doch ein Vielfaches eines herkömmlichen Telefongesprächs, wegen der großen Datenmengen, die für die hervorragende Bild- und Tonqualität benötigt werden. Aber auf jeden Fall war das heute eine spannende Erfahrung, ein kleiner Blick in die Zukunft!

Im Bella Center gab es heute Berichte von Verhandlungen durch die ganze letzte Nacht – man spürt, dass die Konferenz ihrem Höhepunkt zustrebt. Über das Ergebnis mag noch niemand spekulieren – viele Hürden müssen noch genommen werden, jeder hält seine Trümpfe im Verhandlungspoker offenbar bis zuletzt zurück.

Noch immer klafft eine große Lücke zwischen den bislang zugesagten Emissionsminderungen und dem, was zur Begrenzung der Erwärmung auf 2 ºC nötig wäre. Am Freitag haben die 113 erwarteten Staatschefs die Chance, mit einem historischen Deal für die Zukunft des Planeten ihre Führungsstärke zu beweisen.

Am Nachmittag brach ich wieder nach Hause auf. Draußen vor dem Eingang ein großes Polizeiaufgebot, die Metrostation war geschlossen, eine große Zahl von Demonstranten war zu sehen.

Einige Stunden später war ich wieder zurück im verschneiten Potsdam.

Fotos:



Ein besonders eindrucksvolles Display bot die amerikanische Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA im Bella Center: einen schwebenden Globus, auf den allerhand Daten projiziert werden konnten, zum Beispiel hier die Auswirkungen von einem Meter Meeresspiegelanstieg auf die Küsten der Erde.



UNEP-Chef Achim Steiner gibt einem Fernsehsender ein Interview.

Links:

Hier geht´s zum Online-Artikel des Telepräsenz-Interviews mit dem Nachrichtenmagazin "Der Focus"
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 16.12.2009, 18:37 # 0 Kommentare
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  16.12.2009  
     
 
Kopenhagen, 15. Dezember
Schlangen, Schlangen, Schlangen!
 
  Die Rettung der Welt sollte man den Vereinten Nationen lieber nicht anvertrauen. Sie beherrschen nicht einmal das 1x1 der Konferenzorganisation. Ich bin heute zwar in das Bella Center hineingekommen – aber erst nach geschlagenen acht (!) Stunden Wartezeit, in einer endlosen Schlange stehend, ohne Essen, Trinken oder Toilette, draußen bei Minustemperaturen. Zum Glück hatte ich vorsorglich die lange Wollunterwäsche an, die ich mir für die Arktis gekauft hatte.

Meinen Vortrag konnte ich nicht halten, da musste ein Kollege einspringen, der schon am Montag sein Badge hatte abholen können. Wohlgemerkt – wir waren alle seit Monaten schon offiziell für die Konferenz angemeldet. An Ende der Warterei musste man nur den Personalausweis vorlegen, und das Badge wurde gedruckt und ausgehändigt, eine Sache von einer Minute.

In der Warteschlange kam man schnell ins Gespräch. Ein Nachbar hatte gestern bereits acht Stunden gewartet – umsonst. Als er am Ende des Tages ganz vorne am Zaun war, wurden die Tore geschlossen.

Heute hatten wir nach sechs Stunden Wartezeit immerhin diese Hürde überwunden, wir waren auf dem Gelände. Immer noch im Freien bei Minusgraden, aber immerhin jetzt in einer Schlange unter einem Zeltdach. Es begann zu schneien.

Mein Nachbar packte begeistert seine Kamera aus und schoss viele Bilder. Er war aus Bangladesh. Es war der erste Schnee seines Lebens. (Auch er hatte gestern schon einmal vergebens fünf Stunden angestanden.)

Ein Kollege aus Sydney hat gestern und heute jeweils vier Stunden gewartet, bis er aufgab. Morgen fliegt er nach Australien zurück. Er ist umsonst um die halbe Welt geflogen und zurück, und hat es nicht einmal geschafft, in die Konferenz hineinzukommen, zu dem Side Event, das er selbst maßgeblich mit organisiert hat.

Eine Studentin stand heute morgen schon um sechs Uhr in der Schlange – um acht sollte die Anmeldung öffnen. Gegen elf Uhr, nach fünf Stunden Wartezeit, war sie endlich drin. Sie rief von der Anmeldung aus an: nur insgesamt vier Plätze waren dort zu der Zeit besetzt, wo die Badges ausgegeben wurden. Vier Leute – wenn die jeder pro Minute einer Person ein Badge ausstellen – wie lange brauchen sie, um mehrere Tausend zu bedienen? Das ist nicht so schwer zu berechnen. Selbst wenn alle Plätze belegt waren - das waren zehn – reichte das Personal zur Anmeldung für eine Konferenz mit 30,000 Teilnehmern natürlich bei weitem nicht aus.

Ich habe abgeschätzt, dass in dieser Schlange heute menschliche Arbeitszeit im Wert von rund einer Million Euro vernichtet wurde – noch ohne zu berücksichtigen, dass viele höchst qualifizierte Experten in der Schlange standen, dass sie beim Klimagipfel einen wichtigen Beitrag leisten wollten, und dass viele nun umsonst erhebliche Unkosten für Flug und Hotel hatten, von den sinnlosen CO2-Emissionen ganz zu schweigen.

Auch ich wäre natürlich gar nicht erst nach Kopenhagen geflogen, wenn ich geahnt hätte, dass ich meinen geplanten Vortrag gar nicht halten kann.

Als ich einmal drin war – da war es schon später Nachmittag – habe ich mich mit einigen Kollegen und Journalisten unterhalten und ein Side Event mit unserem neuen Umweltminister Röttgen besucht. Er hatte den Nachmittag in Verhandlungen mit dem Versuch verbracht, die Polarisierung zwischen Entwicklungs- und Industrieländern abzubauen. Wie erfolgreich werden wir wohl erst am Freitag wissen.

Röttgen schien gedämpft optimistisch und betonte: "Wir haben die moralische Pflicht, erfolgreich zu sein". Er betonte aber auch deutlich, dass Erfolg in Kopenhagen eben nicht in erster Linie Opfer bedeutet, sondern vor allem große Chancen beinhaltet. Gerade für Deutschland und Europa lohnt es sich, beim Klimaschutz möglichst rasch und entschlossen weiterzugehen, und damit auch die technologische Führungsrolle zu verteidigen bei dem Zukunftsmarkt schlechthin, nämlich den Umwelttechnologien.



Foto: Warteschlange draußen vor dem Bella Center in Kopenhagen.
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 16.12.2009, 13:08 # 0 Kommentare
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