20.12.2009  
     
 
Potsdam - 20. Dezember
Zaudern auf der Schwelle
 
  Kopenhagen ist Geschichte. Das Ergebnis ist enttäuschend, keine Frage. In Kopenhagen ist der Versuch gescheitert, eine verbindliche Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll zu treffen.

Die Verhandlungen wurden noch einmal verlängert, die entscheidenden Weichenstellungen sind auf das nächste Jahr verschoben worden. Das ist bitter, vor allem weil die Zeit so drängt. Mit jedem verstrichenen Jahr sinken die Chancen, die globale Erwärmung noch auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. Besonders für die Menschen, die existenziell von den Folgen der Erwärmung betroffen sind, ist dies ein schlechter Tag.

Aber die Tür zu einem echten Klimaschutzabkommen ist weiterhin offen - sie ist nur leider in Kopenhagen nicht durchschritten worden, stattdessen hat man sich auf der Türschwelle gekabbelt, wer wann und wie hindurchgehen sollte.

Auf der Haben-Seite steht, dass erstmals die 2°C-Grenze als globaler Konsens zum Klimaschutz festgeschrieben wurde – das ist ein historischer Fortschritt. Und im Copenhagen Accord steht auch, dass zur Einhaltung tiefe Einschnitte bei den Emissionen notwendig sind, und dass die Unterzeichner handeln werden, um die Erwärmung auf 2 ºC zu begrenzen („...take action to meet this objective consistent with science and on the basis of equity“).

Darauf kann man aufbauen: die Wissenschaft kann tatsächlich im Rahmen akzeptabler Unsicherheitsmargen die Frage beantworten, wie viel an Emissionen wir uns noch leisten können, um unter 2 ºC zu bleiben (rund 700-800 Milliarden Tonnen CO2). Die Gerechtigkeitsfrage („equity“) kann die Wissenschaft natürlich nicht beantworten – aber die entscheidende Grundlage wird hier sicher eine Pro-Kopf-Aufteilung der noch erlaubten Emissionen sein, die von den Meisten am ehesten als gerecht empfunden werden dürfte. Womit wir beim vor einigen Monaten vom WBGU vorgeschlagenen Budget-Ansatz sind.

Auf der Soll-Seite steht vor allem, dass keine konkreten Minderungsziele genannt werden – man hat sich in Kopenhagen nicht einigen können, wer hier wie viel leisten sollte.

Auch die Finanzierungszusagen für Entwicklungsländer sind sehr vage – zwar wird eine angestrebte Summe genannt, nicht aber, woher dieses Geld kommen soll. So sind der üblichen Umetikettierung und einem Streit über die Lastenverteilung Tür und Tor geöffnet. Und es gibt keine Spielregeln, wie die Emissionen der einzelnen Länder gemessen und kontrolliert werden sollen.

Die Interpretationen, was in Kopenhagen passiert ist, variieren von „Durchbruch“ (Obama) bis zu „Debakel“ (Christian Schwägerl bei Spiegel Online). So seltsam das klingt: beide haben meiner Meinung nach zu einem gewissen Grade Recht – und wer mehr Recht hat, wird letztlich erst die Zukunft zeigen.

Da gibt es mindestens zwei Möglichkeiten.

Erste Möglichkeit: Ein verbindlicher Klimaschutzvertrag wurde noch einmal aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Die Verhandlungen gehen weiter und kommen 2010 zum Abschluss – 2009 war die Welt aus verschiedenen Gründen (z.B. die Innenpolitik der USA) einfach noch nicht soweit, dazu kamen schlechte Vorbereitung und verhandlungstaktische Fehler der dänischen Gastgeber der Konferenz. Aber nach der Konferenz ist vor der Konferenz: see you in Mexico next year.

Zweite Möglichkeit: Dies ist das Ende der Klimaschutzverhandlungen unter dem Dach der Uno. Es haben sich in einer unheiligen Allianz die durchgesetzt, die keinen verbindlichen Uno-Vertrag wollen, vor allem die USA und China, die größten CO2-Schleudern. Daher feiert auch Obama dies als Durchbruch. Diese Mächtigen wollen sich nicht von Ländern wie Mali und Malediven dreinreden lassen und auch nicht ihre Klimaschutzbemühungen einer Uno-Kontrolle unterwerfen.

Daran wird sich auch durch noch so langes Weiterverhandeln nichts ändern, also wird auch in Mexiko nächstes Jahr nichts Verbindlicheres herauskommen. Wir sehen hier einen Blick voraus auf die neue, multipolare Weltordnung. Die Welt zerfällt in unterschiedliche Interessengruppen, die jeweils ihren eigenen Ansatz zum Klimaschutz verfolgen, statt eine globale Kooperation auf Basis eines umfassenden, gerechten Abkommens anzustreben.

Beide Pfade werden wohl zu einem Übergang in eine emissionsarme Zukunft führen – diese wird kommen. Aber nicht rasch genug: Leider ist es aus meiner Sicht bei beiden der skizzierten Möglichkeiten unwahrscheinlich, dass die Erwärmung tatsächlich auf 2 ºC begrenzt wird.

Im ersten Szenario humpeln die Uno-Verhandlungen im bisherigen Schneckentempo weiter voran („green business as usual“ hat der WBGU dieses Szenario in einem früheren Gutachten genannt), gelähmt von der Überkomplexität der Verhandlungen unter fast 200 Staaten, und wir landen in einer 3-Grad-plus-Welt.

Im zweiten Szenario bestimmen letztlich die größten Emittenten das Tempo beim Klimaschutz, vielleicht auch mit einer Einigung unter den 15 oder 20 wichtigsten Ländern (wovon der von rund 25 Ländern formulierte Copenhagen Accord einen Vorgeschmack lieferte).

Dann gibt es kein Stimmrecht der am stärksten Betroffenen (die zu den ärmsten Staaten gehören), und eine entsprechend schwache Therapie kommt sicher heraus - möglichst schmerzlos für die Großemittenten. Auch so landen wir wohl in einer 3-Grad-plus-Welt, die ich meinen beiden Kindern sehr gerne ersparen würde.

Nötig wäre ein echter Durchbruch, wie viele sich ihn von Kopenhagen erhofft hatten. Diese Hoffnung wurde enttäuscht. Man kann nur hoffen, dass die Welt reif für diesen Durchbruch wird, solange es noch nicht zu spät ist.

Mit diesem Beitrag verabschiede ich mich vom Forschertagebuch bei Deutsche Welle. Es hat Spaß gemacht, und ich hoffe, der eine oder andere Leser hat etwas Interessantes für sich gefunden. Jetzt freue ich mich auf die nächsten Wochen, die ich ganz meiner Familie widmen möchte!



Foto: Kunst vor dem Bella Center in Kopenhagen
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 20.12.2009, 20:09 # 0 Kommentare
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