23.12.2009  
     
 
Porto Alegre
Mein allerletzter Tag in Brasilien
 
  Zum Abschluss verbringen Koni und ich noch einen halben Tag an der UFRGS, also an der staatlichen Uni von Porto Alegre.

Wie zu Beginn meiner Reise treffe ich Marcio und die vielen netten Studenten und Studentinnen, wie Patrick, Luis, Carol, Simone usw. Wir diskutieren und klären Fragen, neue Probleme tauchen auf und zahlreiche Ansatzpunkte ergeben sich für eine zukünftige Zusammenarbeit. Der Kreis schließt sich, und abends gehen wir zum Abschied alle gemeinsam noch mal richtig brasilianisch Churrasco-Essen. Auch Camila ist dabei und die „Sammlungsmanagerin“ Glaucia von der PUC-Universität, mit der ich zu meiner Anfangszeit vor 15 Jahren sehr viel zusammengearbeitet habe.

Dann bringe ich Koni zum Flughafen, und wir verabschieden uns nach zwei wirklich tollen und erfolgreichen Wochen im Feld. Koni erwarten nun noch weitere Abenteuer in Südamerika, mich bald Frost und Eis in Deutschland.

Aber erst habe ich ja noch einen weiteren, einen allerletzten Tag in Brasilien. Den verbringe ich mit meinen Kooperationspartnern an den beiden großen Universitäten UFRGS und PUC in Porto Alegre – und ansonsten nochmal mit etwas Bürokratie ("Brazil" lässt wieder grüßen …): Denn mein sog. CPF ist abgelaufen. Das ist schlecht. Das CPF (Cadastro de Pessoas Físicas) ist ein kleines Kärtchen mit einer Art Steuernummer und im Land mittlerweile wichtiger als ein Pass oder Personalausweis – ohne diese Nummer geht wenig, wenn man sich im Land nicht nur als Tourist bewegen möchte. Es gelingt mir aber tatsächlich, mit Hilfe von Marcio und einer "Steuernachzahlung" in Höhe von 5,50 Reais (das sind nicht mal 2 Euro!) mein CPF zu erneuern, ufff!

Ich gebe außerdem den weißen Kombi zurück, der uns in den vergangenen 4,5 Wochen ein so treuer Begleiter war – oder sagen wir lieber: fast, denn einen groben Aussetzer gab´s ja doch mal...



Doch insgesamt haben wir auch über 5500 km zurückgelegt (!), das ist kein Pappenstiel für die alte "Blechkiste" auf so manch übler Piste. Hoffentlich schauen die Leute bei der PUC nicht so genau ins Fahrtenbuch oder auf den Kilometerzähler…

Ansonsten freue ich mich jetzt trotz aller Begeisterung und Erfolge auch wieder auf zu Hause, auf die Familie und vor allem natürlich auf meinen kleinen Sohn Leo (knapp dreieinhalb), der nun fast fünf Wochen auf mich verzichten musste – etwas nachdenklich stimmt es einen ja schon, wenn man hört, dass die Gleichaltrigen im Kindergarten wohl zu ihm gesagt haben: Dein Papa ist tot, der kommt nie mehr…

Und dann bleibt mir jetzt eigentlich nur noch, mich bei allen Lesern zu bedanken, die bis jetzt durchgehalten haben, und bei allen Personen, die mir meine Reise ermöglichten, angefangen von meinen beiden Arbeitgebern (Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart und Dr. Andreas Schlüter sowie Natur - und Tier - Verlag Münster mit Matthias Schmidt und Heiko Werning), über die Leute des Convênios zwischen der Uni Tübingen und der Uni in Porto Alegre (Professor Wolf Engels, Dr. Anne Zillikens, Dr. Rainer Radtke, Dr. Betina Blochtein, Sabine Heinle, Eric Burger und viele mehr), bis hin zu allen Beteiligten vor Ort, also vor allem Anne, Josy, Marcio, Camila, Rodrigo, Jair, Koni und die vielen Studenten an den Universitäten in Porto Alegre (PUC, UFRGS), Florianópolis (UFSC), Santa Cruz do Sul (UNISC) und Santa Maria (UFSM). Auch den Geldgebern sei noch mal speziell gedankt, die Reise wurde vor allem mit Mitteln aus dem "Bromelienprojekt" von Anne (BMBF) sowie Biopat finanziert.

Bei der Deutschen Welle und ganz speziell bei Ulrike Wolpers bedanke ich mich für die Möglichkeit, diesen Wissenschafts-Blog mitgestalten, sogar mitgründen zu dürfen, denn dies war sozusagen der Probelauf für zukünftige Blogs dieser Art bei der Deutschen Welle. Sicher lässt sich noch manches verbessern oder ergänzen (z. B. wollten wir eigentlich Tondokumente einbauen, wie die so völlig anders wie bei uns klingenden Rufe der Frösche, oder auch Videosequenzen – das hat leider jetzt nicht geklappt), und für Anregungen bin ich (sind wir) jederzeit dankbar. Wer weiß, vielleicht bin ich ja mal wieder mit von der Partie...Und wem ich jetzt noch ganz speziell danken möchte, das sind Ute und Leo für Ihre große Geduld mit mir. Ist ja nicht unbedingt selbstverständlich, dass man sich plötzlich vor Weihnachten einen Monat aus dem Staub macht ...

Mit den besten Grüßen,

euer Axel
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 23.12.2009, 09:16 # 4 Kommentare
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  23.12.2009  
     
 
Büchsendreher und Autogramm-Jäger am Strand
 
  Am frühen Nachmittag brechen wir dann auf und sind in knapp zwei Stunden am Strand. Beeindruckend auf der Fahrt ist eine fast "lichtdichte" Baumallee, die sich wie ein dunkler Tunnel über uns schließt.



An der Küste selbst sind überall noch Spuren der Verwüstung zu sehen, z. B. abgeknickte Bäume oder abgedeckte Dächer, die irgendeiner der zahlreichen Tornados in diesem Jahr hinterlassen hat.



Der Sandstrand ist, wie eigentlich überall in Rio Grande do Sul, nicht besonders einladend ("sem graça", wie man hier passend sagt, also ohne Witz, ohne Pepp oder so). Mir kommt es vor wie im norddeutschen Wattenmeer, alles völlig platt und gerade, keine malerischen Palmen und auch die mäßigen Temperaturen und der starke Wind passen ziemlich gut ins Bild.



Badegäste gibt es keine, außer einem verlorenen Rudel "vira-latas" – ein weiteres, sehr gut gewähltes brasilianisches Wort. Das heißt wörtlich "Büchsendreher" oder "Büchsenwender" und wird im übertragenen Sinne für Straßenköter jeglicher Couleur verwendet. Klar, auf der Suche nach Fressbaren durchstöbern die alles, was am Straßenrand nur so rumliegt…



Und dann gibt es auch noch eine Handvoll Fischer und einen älteren Mann am Strand, der mich aus seinem Häuschen beim Filmen beobachtet und plötzlich wild gestikulierend auf mich zustürmt – in der Hand einen Schreibblock mit Unterlage und einen Kugelschreiber.



Ich verstehe erst nur Bahnhof, obwohl sich mein Portugiesisch auf der viereinhalbwöchigen Reise eigentlich wieder ganz gut gemacht hat. Zuvor hatte ich die Sprache ja fast vier Jahre lang gar nicht mehr gesprochen, nur hin und wieder mal portugiesische Mails geschrieben. Aber es liegt wohl auch eher an dem Menschen selbst, der stark nuschelt und offenbar sein Gebiss daheim vergessen hat. Irgendwann verstehe ich trotzdem: Er möchte ein Autogramm!

Hätte ja nie gedacht, dass man mit einem Blog der Deutschen Welle so schnell zu Ruhm und Ansehen kommt, dazu auch noch im Ausland. Da werden mich auf dem Frankfurter Flughafen dann sicher ganze Fanscharen erwarten! Naja, vielleicht auch nicht, denn im Laufe des Gesprächs, das Koni von weitem mit seinem Tele beobachtet, stellt sich irgendwann heraus, dass der nette Herr mich mit einem Schauspieler aus einer der vielen brasilianischen Telenovelas verwechselt hat! Mist, sicher nur so ein kleiner Sekundärschauspieler, also wieder nichts mit der Ehre!

Wir wenden uns daher dem Hinterland zu, dort ist es nämlich eh viel schöner. Eine urige Dünenlandschaft mit eingestreuten Tümpeln und karger Strandvegetation, wie Wollgräser oder Sonnentau. Macht Spaß, dort nach Echsen und Schlangen zu suchen. Nur, die haben bei dem kühlen windigen Wetter wohl weniger Spaß und sind nicht aufzutreiben.



Kein einziger Liolaemus (so eine brauner Strandleguan), keine einzige Lystrophis (eine rot-schwarze Natter mit Hakennase), nichts. Die sind an sich sehr häufig hier, und Koni ist sichtlich enttäuscht, doch ich kann ihn auf abends vertrösten.



Ich weiß ja, dass es hier wenigstens einige Amphibienarten gibt, die er noch nicht kennt, und als Höhepunkt stelle ich ihm sogar in Aussicht, dass wir vielleicht einen Breitschnauzenkaiman finden. Diese südlichste Kaimanart ist zwar nur selten, kommt aber immerhin hier vor. Mit Marcos haben wir vor sechs Jahren mal ein Jungtier gefangen. Nun, um es vorweg zu nehmen, auch dieses Reptil zeigt sich heute Nacht leider nicht.



Aber dennoch ist es ein schöner Abschluss mit vielen unterschiedlichen Fröschen, z. B. mit der Sandkröte Rhinella arenarum:



Außerdem finden wir den kurzköpfigen Pfeiffrosch Physalaemus biligonigerus:



Den Kleinen Harlekinfrosch Pseudis minutus:




Und die beiden Laubfrösche Dendropsophus sanborni und Hypsiboas pulchellus:




Wir fotografieren und filmen bis fast in die Morgenstunden. Müde und erschöpft sind wir schließlich gegen 5 Uhr morgens wieder in Porto Alegre.

 
 
 
Wissenschaftsredaktion 23.12.2009, 09:15 # 0 Kommentare
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  23.12.2009  
     
 
Porto Alegre
Trödeln auf brasilianisch
 
  So, es ist Sonntagmorgen, und die letzte Nacht mit brasilianischen Fröschen steht uns heute bevor: Nachdem es in Porto Alegre die ganze Nacht noch kräftig geregnet hat, herrscht nun strahlendes Wetter mit Sonnenschein.

Bevor wir gleich in Richtung Osten an den Strand düsen, schauen Koni und ich uns erst noch mal auf dem Brique um.



Das ist der sonntägliche Flohmarkt in Porto Alegre, der sich direkt am zentralen Erholungspark der Stadt befindet, dem "parque da redenção" oder auch Farroupilha-Park (nach der sog. Farrapen-Revolution von 1835-1845, als sich Rio Grande do Sul wegen der verfassungswidrigen Krönung des fünfjährigen Kaisers Peter II gegen das Kaiserreich Brasilien erhob).

Leider sind die dort angebotenen Gegenstände aber auch nicht mehr das, was sie vor 10 oder 15 Jahren mal waren (ja, ja, die gute alte Zeit...). Ehrlich gesagt gibt´s nur Nippes und Ramsch, keine besonderen oder gar wertvollen Gegenstände, die man kaufen möchte. Koni findet immerhin ein wunderbares Schnee-Motiv aus den Schweizer Alpen, möchte es aber lieber doch nicht mitnehmen.



Und auch für meine beiden Süßen zuhause (Ute und mein kleiner Leo) finde ich nichts Gescheites, außer die netten, von Indios geschnitzten Holztierchen (von denen wir mittlerweile aber schon ne ganze Stange daheim rumstehen haben – diesmal kaufe ich ein kleines Krokodil…). Das Beste auf dem Markt sind eigentlich die kulinarischen Dinge, wie die wirklich leckeren "churros", süß frittierte "Teigstangen", dick gefüllt mit noch süßerer "leite condensado", einer Art brauner, gezuckerter Kondensmilch (gibt es so wohl nur in Brasilien und Uruguay, jedenfalls hab ich das bei uns noch nie gesehen).



Auch "pipoca com leite condensado" ist ganz gut – das ist Popcorn, in diesem Fall eben mit gezuckerter Kondensmilch (also nicht einfach nur mit Salz oder Zucker wie bei uns).

 
 
 
Wissenschaftsredaktion 23.12.2009, 09:13 # 0 Kommentare
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