23.12.2009  
     
 
Büchsendreher und Autogramm-Jäger am Strand
 
  Am frühen Nachmittag brechen wir dann auf und sind in knapp zwei Stunden am Strand. Beeindruckend auf der Fahrt ist eine fast "lichtdichte" Baumallee, die sich wie ein dunkler Tunnel über uns schließt.



An der Küste selbst sind überall noch Spuren der Verwüstung zu sehen, z. B. abgeknickte Bäume oder abgedeckte Dächer, die irgendeiner der zahlreichen Tornados in diesem Jahr hinterlassen hat.



Der Sandstrand ist, wie eigentlich überall in Rio Grande do Sul, nicht besonders einladend ("sem graça", wie man hier passend sagt, also ohne Witz, ohne Pepp oder so). Mir kommt es vor wie im norddeutschen Wattenmeer, alles völlig platt und gerade, keine malerischen Palmen und auch die mäßigen Temperaturen und der starke Wind passen ziemlich gut ins Bild.



Badegäste gibt es keine, außer einem verlorenen Rudel "vira-latas" – ein weiteres, sehr gut gewähltes brasilianisches Wort. Das heißt wörtlich "Büchsendreher" oder "Büchsenwender" und wird im übertragenen Sinne für Straßenköter jeglicher Couleur verwendet. Klar, auf der Suche nach Fressbaren durchstöbern die alles, was am Straßenrand nur so rumliegt…



Und dann gibt es auch noch eine Handvoll Fischer und einen älteren Mann am Strand, der mich aus seinem Häuschen beim Filmen beobachtet und plötzlich wild gestikulierend auf mich zustürmt – in der Hand einen Schreibblock mit Unterlage und einen Kugelschreiber.



Ich verstehe erst nur Bahnhof, obwohl sich mein Portugiesisch auf der viereinhalbwöchigen Reise eigentlich wieder ganz gut gemacht hat. Zuvor hatte ich die Sprache ja fast vier Jahre lang gar nicht mehr gesprochen, nur hin und wieder mal portugiesische Mails geschrieben. Aber es liegt wohl auch eher an dem Menschen selbst, der stark nuschelt und offenbar sein Gebiss daheim vergessen hat. Irgendwann verstehe ich trotzdem: Er möchte ein Autogramm!

Hätte ja nie gedacht, dass man mit einem Blog der Deutschen Welle so schnell zu Ruhm und Ansehen kommt, dazu auch noch im Ausland. Da werden mich auf dem Frankfurter Flughafen dann sicher ganze Fanscharen erwarten! Naja, vielleicht auch nicht, denn im Laufe des Gesprächs, das Koni von weitem mit seinem Tele beobachtet, stellt sich irgendwann heraus, dass der nette Herr mich mit einem Schauspieler aus einer der vielen brasilianischen Telenovelas verwechselt hat! Mist, sicher nur so ein kleiner Sekundärschauspieler, also wieder nichts mit der Ehre!

Wir wenden uns daher dem Hinterland zu, dort ist es nämlich eh viel schöner. Eine urige Dünenlandschaft mit eingestreuten Tümpeln und karger Strandvegetation, wie Wollgräser oder Sonnentau. Macht Spaß, dort nach Echsen und Schlangen zu suchen. Nur, die haben bei dem kühlen windigen Wetter wohl weniger Spaß und sind nicht aufzutreiben.



Kein einziger Liolaemus (so eine brauner Strandleguan), keine einzige Lystrophis (eine rot-schwarze Natter mit Hakennase), nichts. Die sind an sich sehr häufig hier, und Koni ist sichtlich enttäuscht, doch ich kann ihn auf abends vertrösten.



Ich weiß ja, dass es hier wenigstens einige Amphibienarten gibt, die er noch nicht kennt, und als Höhepunkt stelle ich ihm sogar in Aussicht, dass wir vielleicht einen Breitschnauzenkaiman finden. Diese südlichste Kaimanart ist zwar nur selten, kommt aber immerhin hier vor. Mit Marcos haben wir vor sechs Jahren mal ein Jungtier gefangen. Nun, um es vorweg zu nehmen, auch dieses Reptil zeigt sich heute Nacht leider nicht.



Aber dennoch ist es ein schöner Abschluss mit vielen unterschiedlichen Fröschen, z. B. mit der Sandkröte Rhinella arenarum:



Außerdem finden wir den kurzköpfigen Pfeiffrosch Physalaemus biligonigerus:



Den Kleinen Harlekinfrosch Pseudis minutus:




Und die beiden Laubfrösche Dendropsophus sanborni und Hypsiboas pulchellus:




Wir fotografieren und filmen bis fast in die Morgenstunden. Müde und erschöpft sind wir schließlich gegen 5 Uhr morgens wieder in Porto Alegre.

 
 
 
Wissenschaftsredaktion 23.12.2009, 09:15 # 0 Kommentare
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