03.12.2009  
     
 
Moskau - Donnerstag, 3. Dezember
In der Moskauer Diplomatenschmiede
 
  Am Flughafen Scheremetjevo holt mich am Abend Roman ab, ein Praktikant der Heinrich-Böll-Stiftung. Die hat mich nach Moskau eingeladen, um die gerade erschienene russische Übersetzung unseres Buches Der Klimawandel vorzustellen.

Als wir aus dem Terminalgebäude kommen, bin ich erstmal enttäuscht: ich hatte mir etwas winterliche Stimmung mit Schnee und Frost in Moskau erhofft, stattdessen lande ich mitten im Wärmerekord: 9 Grad, so warm wie noch nie ein 2. Dezember seit Beginn der Aufzeichnungen vor 111 Jahren.

Mit dem Airport Express (nagelneu und vom Feinsten) fahren wir in die Stadt, zum Weißrussischen Bahnhof. An der Metrostation kauert ein alter Mann auf dem Gehsteig, der vor sich ein paar geräucherte Fische zum Verkauf ausgebreitet hat. In einem usbekischen Restaurant treffen wir uns mit Jens Siegert, dem Leiter des hiesigen Büros der Böll-Stiftung. Ich lerne eine Menge über russischen Alltag und Politik.

Heute Mittag dann mein Vortrag in der russischen „Diplomatenschmiede“: der Staatlichen Universität für Internationale Beziehungen. Das Zahlenverhältnis von Professoren zu Studenten mutet für uns traumhaft an: 1:5! Die Arbeitsbedingungen sind es allerdings offenbar weniger, auch die Bezahlung der Professoren ist sehr schlecht. Üblich sind versteckte hohe Studiengebühren, mit denen die Professoren ihr Gehalt aufbessern. Man kann es auch Korruption nennen: wer keine Repetitorien besucht, die die Professoren privat und für teures Geld anbieten, der schafft eben auch die Prüfungen nicht. Die Studenten haben zudem einen Stundenplan mit 40 Vorlesungsstunden pro Woche – Fehlen wird streng bestraft, wer zu oft „schwänzt“, fliegt von der Uni, erläutert Prof. Evteev, der den Lehrstuhl für Deutsch leitet.

Ich unterstütze die Proteste der deutschen Studenten für bessere Studienbedingungen. Doch die hiesigen Studenten scheinen mir da doch noch ein paar mehr Gründe zum Protestieren zu haben.

Jetzt geht es gleich wieder in die laute Moskauer Metro mit ihren prachtvollen Stationen, zur Abendveranstaltung im Sacharow-Zentrum. Morgen mehr davon.



Foto: Hinab in die Metro. Ein Mann liest auf der langen Rolltreppenfahrt ein Notenblatt.
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 03.12.2009, 20:18 # 0 Kommentare
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