24.11.2009  
     
 
Trauriges aus Torres und Umgebung
 
  Es gäbe noch viel zu erzählen und zu berichten aus Torres und Umgebung, leider auch viel Trauriges.


Zum Beispiel, dass die besten Lebensräume einer weiteren Schwarzkrötenart, die ich vor Jahren ausgiebig vor Ort untersucht habe, M. dorsalis, mittlerweile alle platt gemacht wurden. Diese Art kommt nur am Strand vor, und genau dort haben sich mittlerweile viele kleine Strandhäuschen ausgebreitet, keine Spur mehr von dieser Art. Nun gut, ich denke, sie hat ja noch Ausweichplätze, aber die reichen Fundstellen, von wo ich die Krötchen kenne, sind ersatzlos zerstört. Oder die sog. mata paludosa, ein spezieller, streng geschützter „Nasswald“-Typ am Fuß der Serra bei Terra de Areia. Dort befindet sich das einzige Vorkommen des großen Laubfrosches Itapotihyla langsdorffii in Rio Grande do Sul, und genau dorthin bin ich in der darauffolgenden Nacht noch einmal alleine hingefahren. Die Stelle ist ganz einfach zu finden. Da mitten hindurch geht nämlich die asphaltierte Rota do Sol, die sich seit einigen Jahren von Caxias do Sul bis an den Strand hinunterzieht. Auf etwa einem km Länge wird dieser Wald sträflich von ihr zerschnitten. Gut gemeint, fast schon putzig, ist die Idee, jeweils am Anfang und am Ende dieser Strecke ein Schild aufzustellen, wonach man nur 40 km/h fahren darf, und das Ganze immerhin mit einer dazugehörigen Geschwindigkeitskontrolle (Blitz) zu unterstreichen. Was machen die Autofahrer? Nichts anderes als in Deutschland, an den beiden Blitzen wird extrem abgebremst, um danach gleich wieder extrem zu beschleunigen, genau in der Mitte, an der sensibelsten Stelle, wo auch Itapotihyla lebt und ich mein Auto unguten Gefühls nachts an den Rand abstelle, rasen die Autos dann mit 100 km/h vorbei … Dass ich keinen einzigen Itapotihyla finde, laste ich aber dennoch der späten Jahreszeit an, eigentlich sind die Tiere nur Anfang November aktiv. So finde ich auch nur einige ebenfalls wunderbare Makifrösche vor, schade. Aber eigentlich ist es mir eh schon etwas mulmig, den Kombi direkt vorn seitlich an der Straße abgestellt zu haben, und so ziehe ich mich auch schnell wieder aus der mata paludosa zurück. Morgen geht es dann endlich weiter nach Florianopolis, das ist dann wieder ein ganz anderes Thema…


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Wissenschaftsredaktion 24.11.2009, 21:03 # 2 Kommentare
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  24.11.2009  
     
 
Froschfang mit Faulgasen
 
  So, danach geht es direkt weiter, wieder Richtung Torres zurück, denn es stehen noch viele weitere Arten auf meiner Liste.



Die kenn ich zwar eigentlich alle schon, aber viele sind ja trotzdem hoch interessant und lohnen die erneute Suche: zum Beispiel der eigenartige Keilkopf-Laubfrosch Sphaenorhynchus mit seiner spitzigen Schnauze, von dem wir in einem tiefen Gewässer auch tatsächlich zwei Exemplare finden.



Eines davon mit ungewöhnlich vielen schwarze Flecken. Wie es aussieht, ist dieser Frosch ebenfalls einer, der noch keinen korrekten Namen hat, bislang läuft er unter dem Namen Sphaenorhynchus surdus.

Beim Fang dieses Tiers versinkt Patrick bis zu den Hüften im schlammigen, dicht mit Wasserpflanzen bedeckten Gewässer, dem zugleich Gasblasen mit übelriechenden Substanzen entsteigen…aber immerhin nicht menschlichen Ursprungs…

 
 
 
Wissenschaftsredaktion 24.11.2009, 21:02 # 0 Kommentare
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  24.11.2009  
     
 
In der Amphibien-Hölle
 
  Nachdem der trockene Laborteil nun also soweit erledigt ist, ziehen wir alle zusammen ins Feld nach Torres, eine „turma“ mit insgesamt sechs Mann. Zunächst darf ich einen Wunsch äußern: Melanophryniscus marcogranulosus! Ja, ihr lest richtig, schon wieder eine Schwarzkröte.



Auch dies ist eine Art, die ich bisher nicht aus der Natur kenne. Nach ihrer Beschreibung vor rund 30 Jahren galt diese Art lange als verschollen bzw. mittlerweile sogar als ausgestorben. Erst vor 5 Jahren gelang dem Studenten Patrick, der hier auch mit von der Partie ist, die Wiederentdeckung von M. marcogranulosus. Obwohl mein Wunsch erstaunlicherweise nur wenig Begeisterung unter den Studenten auslöst, fahren wir also zum Typus-Fundort Gruta, der einzigen Stelle weltweit neben dem Ort Maquiné weiter im Süden, wo die Art bisher überhaupt nachgewiesen ist. So oder so ist es eine der seltensten Amphibienarten von Rio Grande do Sul, ja ganz Brasiliens, und ich verstehe die überaus gedämpfte Reaktion der Studenten nicht so ganz.Das ändert sich aber schnell, als wir Gruta erreichen und aus dem Wagen steigen: Es handelt sich hierbei nämlich um ein winziges, extrem hässliches Fleckchen Erde mit wenigen Quadratmetern Fläche direkt am Straßenrand der extrem stark befahrenen Küstenstraße BR 101, also der Hauptverbindung zwischen Sao Paulo und dem gesamten Süden Brasiliens. Hier fristet diese Schwarzkröte ihr Dasein unter schier unglaublichen Bedingungen, inmitten von Müll, Klopapier und Haufen menschlicher Exkremente, während im Hintergrund die 40-Tonner mit 100 Stundenkilometern im Sekundentakt vorbeirasen, sich dabei oft wahnwitzig überholend.So müssen sich Schwarzkröten die Amphibienhölle vorstellen! Naja, vielleicht sind die Tierchen ja deshalb so schmucklos gezeichnet, nämlich oberseits nur einfarbig schwarz. Immerhin ist aber auch hier die Unterseite wieder etwas farbiger, wenn auch nicht gerade leuchtend rot wie sonst, so doch immerhin gelblich-orange, entsprechend der Umgebung mit einem zarten Grauschleier überzogen … ein winziges Rinnsal mit einer Gesamtlänge von vielleicht zehn Metern, das bräunlich aus dem Felsen gluckert, ist das einzige Laichhabitat weit und breit.Mist, kurz nicht aufgepasst und schon in einen fetten Haufen getreten, das ist doch sch … Neee, also das ist wirklich der hässlichste Ort, den ich je für eine seltene Amphibienart aufgesucht habe. So geben wir die Suche schnell auf, auch die Studenten haben nur lustlos (sagen wir ruhig: angewidert) mit Stöckchen in der Bodenvegetation herumgestochert. Immerhin haben wir trotzdem zwei Exemplare gefunden: ein Jungtier und ein noch ein jüngeres Jungtier, sprich, ein etwa 15 mm langes Krötchen und eines, das vielleicht 9 oder 10 mm Länge hatte. Die kleinsten Exemplare immerhin, die von der Art je gefunden wurden. Eigentlich wär mir ein ausgewachsenes Tier schon lieber gewesen, aber was soll’s.
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 24.11.2009, 21:01 # 0 Kommentare
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  24.11.2009  
     
 
Tote Frösche für die Wissenschaft
 
  Bevor ich wieder raus ins Feld kann Frösche suchen, muss ich erst noch ein paar Aufgaben an der Uni vor Ort lösen: Marcios Studenten sind erpicht darauf, mir einige Amphibien zu zeigen, die sie in den letzten Jahren und Monaten gesammelt haben, aber nicht sicher identifizieren können. In Brasilien gibt es nur sehr wenig Bestimmungsliteratur, ganz anders als in Deutschland. So ist es nicht verwunderlich, dass mich die Studenten als „gestandenen Froschexperten“ zu Rate ziehen, auch wenn ich mich ehrlich gesagt im Herzen immer noch wie ein junger Student fühle – auch wenn meine Doktorarbeit schon zehn Jahre zurückliegt und ich ein paar graue Haare hab (und dazu eben einen ganzen Packen wissenschaftlicher Publikationen inklusive Bestimmungsbücher, worauf sich die Studenten bei ihrer Arbeit gerne stürzen). Unter dem ganzen Material, das mir die Studenten zeigen, befindet sich aber tatsächlich hoch Interessantes: Von besonderer Bedeutung ist z. B. eine eigenartige Kröte aus der granulosus-Gruppe mit spitz zulaufendem Kopf und bizarren Knochenleisten am Kopf. Zahlreiche Exemplare dieser skurrilen Art hat die Studentin Carol vor kurzem am äußeren „West-Ende“ von Rio Grande do Sul entdeckt, bei der Stadt Uruguiana (Grenze zu Argentinien). Nie habe ich bisher dergleichen gesehen, die Art ist zweifellos neu für Rio Grande do Sul, vielleicht sogar „new to science“, wie man so schön sagt. Mal schauen.  
 
 
Wissenschaftsredaktion 24.11.2009, 20:58 # 1 Kommentar
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  24.11.2009  
     
 
Amphibienfreunde unter sich
 
  In Torres habe ich zwei tolle Nächte mit meinem alten Freund und Kollegen Marcio sowie vier seiner Studenten bzw. Doktoranden zugebracht, direkt an der Grenze zum Nachbarstaat Santa Catarina. Es war wunderbar, Marcio - der mittlerweile an der staatlichen Universität von Porto Alegre arbeitet und an Reptilien forscht- mal wieder zu sehen, denn uns verbinden viele gemeinsame Erlebnisse. Seit Jahren planen wir, einen kleinen, dreisprachigen Reptilienführer der Region (Pró-Mata) zu veröffentlichen. Ursprünglich war auch noch unser guter Freund und Kollege Marcos Di-Bernardo mit von der Partie. Leider ist er in der Zwischenzeit aber auf tragische Weise seinem Krebsleiden erlegen. (Marcos haben wir übrigens eine eigene Froschart namentlich gewidmet, den großen Leopardenfrosch Trachycephalus dibernardoi.


Marcio macht dasselbe gerade mit einer Schleiche, die fortan Ophiodes dibernardoi heißen soll – ein Reptil, das aussieht wie eine große grünliche Blindschleiche mit winzigen Stummelbeinchen hinten). Der portugiesische Text des Reptilienführers ist so gut wie fertig, es fehlen (nur) noch die englischen und deutschen Übersetzungen. Das wird dann Anfang nächstes Jahr mal in Angriff genommen.
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 24.11.2009, 20:57 # 0 Kommentare
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  24.11.2009  
     
 
Rio Grande do Sul
Ein kleiner Pfeiffrosch und ein technisches Missgeschick...
 
  Was bei Eden noch besonders spannend war, zumindest wissenschaftlich gesehen, ist ein kleiner, bräunlicher Frosch von wenig mehr als 2 cm Länge, den wir nachts an einem Bachufer im Regenwald fanden: Ischnocnema henselii (früher Eleutherodactylus henselii).


Diese Art habe ich erst vor wenigen Jahren mit meinem Kollegen Mirco Solé revalidiert, d. h., wir konnten damals durch Rufvergleiche nachweisen, dass wir es mit einer Art zu tun haben, die bislang zu Unrecht einer anderen Spezies zugeordnet war. Für diese sog. kryptische Art, die Ischnocnema guentheri extrem ähnlich sieht, haben wir einen alten, bisher ungültigen (synonymen Namen) wieder etabliert. Das Ganze klingt viel komplizierter als es ist, aber eine eigene Wissenschaft ist es zugegebenermaßen wohl schon… Um es kurz zu machen: Ischnocnema henselii ist der südlichste Vertreter der gesamten Artengruppe, ja sogar der ganzen ehemaligen Riesengattung Eleutherodactylus, und der Fundort bei Eden wiederum liegt noch ne ganze Ecke südlicher (rund 100 km) als die bisher bekannten südlichsten Fundpunkte.

Das lohnt zumindest eine kleine Erwähnung in dem Fachjournal Check List, das speziell für solche „short notes“ gemacht ist. Schön wär es nun gewesen, in dem Artikel neben dem Foto des Belegexemplars mit Museumsakronym (d. h. einer Inventarnummer, unter der der konservierte Frosch sozusagen „für die Ewigkeit“ als Beweis hinterlegt ist) auch ein sog. Sonagramm abzubilden. Sonagramme sind Abbildungen der Rufe, denen die Spezialisten vieles entnehmen können, z. B. (im Idealfall) die Artzugehörigkeit. Nun gelangen mir mit meinem nagelneuen digitalen Aufnahmegerät unter großem Einsatz – man muss wissen, dass die Tierchen nur im dichtesten Regenwald, meist an den steilsten Hängen und unübersichtlichsten Stellen zwischen modernden Stämmen im Unterholz sitzen – zwar vermeintlich hervorragende Aufnahmen, doch leider, leider: Etwas stimmte nicht mit der Einstellung! Schon beim Runterladen der Tonsequenzen am nächsten Morgen auf das Netbook kam es mir komisch vor, dass dies nur 1-2 Sekunden dauerte. Entsprechende digitale Tondateien in .wav-Format sind ja locker mal 10 MB groß … Und so waren sie in der Tat: alle leer! Tja, auch solche Misserfolge kommen halt vor in der Forschung, besonders dann, wenn einen die Technik im Stich lässt … (oder die Kenntnisse?). Am persönlichen Einsatz jedenfalls kann es nicht liegen: Ich bin beim Wiederaufstieg „extra“ noch auf dem glitschigen Waldboden ausgerutscht und sauber auf Knien und Ellbogen, das Tonbandgerät in der Hand sichernd, die 5 Meter bis zum Bachufer zurückgerutscht. Naja, Hose und Kittel waren auch vorher schon dreckig …
 
 
 
Wissenschaftsredaktion 24.11.2009, 08:09 # 0 Kommentare
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