Stephen Venables – Abenteuer Sport https://blogs.dw.com/abenteuersport Blog über Expeditionen und Grenzerfahrungen Wed, 06 Mar 2019 10:38:57 +0000 de-DE hourly 1 Smalltalk mit Prinz Philip https://blogs.dw.com/abenteuersport/smalltalk-mit-prinz-philip/ Thu, 30 May 2013 01:31:42 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=21937

Die Royal Geographical Society in London

Fast hätte ich nicht nur Prinz Philip, sondern auch der Queen die Hand geschüttelt. Sie steht einen Meter vor mir. Ein Kanadier, der sich dazwischen drängt, verhindert den Kontakt. Dann ist die 86-Jährige in ihrem lila Kostüm schon weiter gezogen. Schade. Ich wollte sie doch eigentlich fragen, ob sie auch heute noch ein besonderes Verhältnis zum Mount Everest habe. Schließlich erreichte die Nachricht, dass zwei Mitglieder einer britischen Expedition am 29. Mai 1953 erstmals den höchsten Berg der Erde bestiegen hatten, pünktlich zu den Krönungsfeiern von Elizabeth II. die britische Hauptstadt London. Kein Wunder also , dass die Queen es sich jetzt nicht nehmen lässt, zur offiziellen 60-Jahr-Jubiläumfeier in der Royal Geographical Society zu erscheinen.

Britische Everest-Helden

Die Anweisung der Veranstalter ist eindeutig: „Wenn die Königin und Prinz Philip erscheinen, erheben Sie sich bitte von ihren Plätzen! Warten Sie, bis sich die beiden gesetzt haben, dann nehmen auch Sie wieder Platz!“ Den größten Teil der Veranstaltung verpassen die beiden Royals. Einige legendäre britische Everest-Besteiger teilen sich die Aufgabe, die Geschichte der Erstbesteigung durch den Neuseeländer Edmund Hillary und den Sherpa Tenzing Norgay nachzuerzählen: Sir Chris Bonington, der 1975 die Expedition zur steilen Südwestwand geleitet hatte; Doug Scott, der das Unternehmen zusammen mit Dougal Haston erfolgreich abschloss; Stephen Venables, der 1988 als erster Brite den Everest ohne Flaschensauerstoff bestieg, über eine neue Route in der äußerst gefährlichen Ostwand; Rebecca Stephens, 1993 die erste britische Frau auf dem höchsten Berg der Erde.

Den Sherpas etwas zurückgegeben

Jamling Tenzing Norgay (l.) und Peter Hillary

Anschließend erzählen die beiden Söhne der Erstbesteiger, Jamling Tenzing Norgay und Peter Hillary, von ihren berühmten Vätern. „Sie waren wirkliche Helden“, sagt der 48 Jahre alte Jamling, der 1996 den Everest bestieg und damit in die Fußstapfen seines Vaters trat. „Sie waren Ikonen der Hoffnung für Millionen von Menschen. Und das war erst der Anfang.“ Sein Vater und Edmund Hillary hätten ihren Ruhm bis zu ihrem Tod genutzt, um die Sherpas in Nepal zu unterstützen. „Er fühlte ein großes Verlangen, den Menschen zu helfen und ihnen etwas zurückzugeben“, erinnert sich der zweimalige Everest-Besteiger Peter Hillary, dessen Vater Sir Edmund 1960 den Himalayan Trust gründete. Die Stiftung baute für die Sherpas Schulen, Krankenhäuser, Minikraftwerke, Brücken.

Verdammt gute Queen“

Der Vortrag liegt exakt in der anvisierten Zeit. Als sich alle erheben, um die Queen und ihren Ehemann zu begrüßen, ist Jan Morris an der Reihe. Sie erzählt, wie sie – damals noch ein Mann mit Vornamen James – als Reporter der „Times“ dafür sorgte, dass die verschlüsselte Exklusiv-Nachricht über die erfolgreiche Erstbesteigung des Mount Everest rechtzeitig in London ankam. „Es war das nationale Krönungsgeschenk für Elizabeth II.“, sagt die 87-Jährige und fügt mit einem Grinsen hinzu: „Im Gegenzug war sie dann eine verdammt gute Queen..“ Gelächter im Saal. Die Königin und Prinz Philip sehe ich nur von hinten. Aber ich würde darauf wetten, dass auch sie sich ein royal zurückhaltendes Lächeln nicht verkneifen können.

Wo sind da die Berge?

Beim anschließenden Empfang, zu dem ich als Mitglied der deutschen Sektion der Hillary-Stiftung eingeladen bin, darf ich dem Herzog von Edinburgh die Hand schütteln. „Sind Sie Bergsteiger?“, fragt mich der 91 Jahre alte Gatte der Queen. „Journalist und Bergsteiger“, antworte ich. „Ich war schon einmal über 7000 Metern.“ Damit habe ich offenbar seine Neugier geweckt: „Wo leben Sie denn?“ „In Köln.“ Prinz Philip grinst: „Und wo sind da die Berge?“ „Weit weg“, sage ich und entlocke ihm ein weiteres Lächeln. Er wendet sich dem nächsten Gast zu. Aber vielleicht hat er es ja seiner Frau abends im Bett erzählt.

P.S. Nur der Hoffotograf durfte die Royals fotografieren, ich nicht. 🙁

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Venables‘ unerfüllbarer Everest-Wunsch https://blogs.dw.com/abenteuersport/stephen-venables-everest/ Sat, 27 Apr 2013 19:36:10 +0000 http://blogs.dw.com/abenteuersport/?p=21279

Venables auf Süd-Georgien in der Antarktis

Stephen Venables kann in diesem Mai gleich zweimal Everest-Jubiläum feiern. Den 60. Geburtstag der Erstbesteigung und seinen ganz persönlichen Jahrestag. Am 12. Mai vor 25 Jahren bestieg Venables als erster Brite ohne Flaschensauerstoff den höchsten Berg der Erde. Ein Meilenstein. „Ich hatte 1988 das Glück, an einem neuen Kapitel der Berggeschichte mitzuschreiben, als ich mit Robert Anderson, Paul Teare und Ed Webster eine neue Route durch die Kangshung-Wand kletterte“, schreibt mir Stephen, nachdem ich ihn um seine Gedanken zum 60. Jahrestag der Everest-Erstbesteigung gebeten habe. „Dank dieser ausgezeichneten Kletterer aus den USA und Kanada und einem großartigen Unterstützer-Team im Basislager genoss ich am Everest einige der schönsten Tage meines Lebens.“ Doch Stephens Leben hing damals am seidenen Faden. 

Meist verwaist 

Nicht umsonst ist die tibetische Ostwand des Mount Everest meist verwaist. Über 3000 Meter ragt sie steil auf, stark vergletschert, mit tiefen Spalten durchzogen, häufig donnern Lawinen  in die Tiefe. Als der legendäre britische Bergsteiger George Mallory 1921 auf der Suche nach einer Route zum Gipfel auch die Kangshung-Flanke inspizierte, erklärte er die Wand für unmöglich zu erklettern. 1983 straften ihn die US-Bergsteiger Carlos Buhler, Kim Momb und Louis Reichardt Lügen, als sie die Kangshung-Wand erstmals meisterten. Sie benutzten dabei Flaschensauerstoff. 

Am Limit und darüber hinaus 

Paul Teare (unten) in der Kangshung-Wand

Fünf Jahre später erschlossen Stephen Venables, der Kanadier Paul Teare und die beiden US-Amerikaner Robert Anderson und Ed Webster ohne Atemmaske eine neue, äußerst anspruchsvolle Route durch die Wand. Sie endete auf der Normalroute am Südsattel. Teare verzichtete anschließend auf einen Gipfelversuch, weil er Symptome eines Hirnödems zeigte. Webster kehrte kurz vor dem, Anderson am 8690 Meter hohen Südgipfel um. Lediglich Venables erreichte den höchsten Punkt auf 8850 Metern. Beim Abstieg verließen auch ihn die Kräfte, er halluzinierte. „Ich war an meinem absoluten physiologischen Limit“, sagte Stephen später in einem Interview. „Der ganze Tag war ein einziges Überschreiten von Grenzen.“ Er überlebte unterhalb des Südgipfels eine Biwaknacht im Freien. Doch die Odyssee war damit noch nicht vorüber. Dreieinhalb Tage dauerte der Abstieg des Trios durch die Kangshung-Wand, bei hüfttiefem Schnee, Whiteout, ohne Lebensmittel. „Es war das Abenteuer unseres Lebens“, bilanzierte Ed Webster

Beide Beine gebrochen 

Stephen bezahlte es mit drei erfrorenen Zehen, die ihm später amputiert werden mussten. 34 Jahre alt war er damals, die Expedition zur Kangchung-Wand war bereits seine zehnte im Himalaya. 1991 eröffnete Venables mit zwei Landsleuten im Everest-Gebiet eine neue Route auf den Sechstausender Kusum Kanguru. Ein Jahr später gehörte er zu den Erstbesteigern des 6437 Meter hohen Panch Chuli V im indischen Teil des Himalaya. Beim Abstieg stürzte Stephen 80 Meter tief ab und brach sich beide Beine. Es hätte noch schlimmer enden können – für Venables das Signal, mit den extremen Himalaya-Expeditionen aufzuhören. Noch immer geht der 58-Jährige zum Bergsteigen. In den vergangenen Jahren war Stephen häufig in der Antarktis unterwegs, vor allem auf der Insel Süd-Georgien.

Abenteuerliche Ungewissheit 

Stephen Venables

Auch wenn es unfair ist, ein Leben auf eine zweimonatige Expedition zum höchsten Berg der Erde zu reduzieren – Venables Überlebensgeschichte am Mount Everest wird unvergessen bleiben. „Es wäre wunderbar, wenn der Everest wieder ein Ort würde, an dem Kletterer die Grenzen menschlicher Anstrengung hinausschieben“, antwortet Stephen auf die Frage nach seinen Wünschen für den Everest,„in einer Atmosphäre stiller Einkehr: nur drei oder vier Expeditionen pro Jahr, bei denen die Bergsteiger ohne zusätzlichen Sauerstoff klettern und die abenteuerliche Ungewissheit genießen.“ Ihm sei jedoch klar, dass dieser Wunsch unrealistisch sei, „weil er sich nicht mit den kommerziellen Geboten verträgt.“ 

P.S. Stephens vollständige Äußerungen findet ihr auf den beiden Everest-60-Pinnwänden auf der rechten Seite des Blogs.

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