Auf dem Weg zum K 2 (Teil 3): Klagelied
Die Träger streikten. Das Wetter war ihnen zu schlecht, um wie geplant um sechs Uhr früh den Baltoro-Gletscher zu betreten. Es regnete Bindfäden. Zwei Träger ließen sich ausbezahlen und verabschiedeten sich ganz. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Sadakat Hussein, ein erfahrener Bergführer, den ich in Paiju traf. Bis zu 8000 Träger gleichzeitig waren in der Region unterwegs. Eigentlich hatte die Regierung die Höhe der Löhne festgeschrieben. Doch die Nachfrage war höher als das Angebot. Allein die große italienische K 2-Jubiläumsexpedition hatte 260 Träger engagiert. Einige Gruppen boten deutlich mehr Geld als allgemein üblich, um ihre Lasten zum Zielort transportieren zu lassen. Andere schauten deshalb in die Röhre.

Regen, Regen, Regen
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Auf dem Weg zum K 2 (Teil 2): Inshallah
Nichtsahnend saß ich im Restaurant meines Hotels Masherbrum in Skardu und unterhielt mich mit einem Pakistaner, der einige Jahre in Deutschland gelebt hatte. Plötzlich explodierte mein Bauch. Ohne Vorwarnung. Durchfall, wie ich ihn vorher noch nie erlebt hatte. Die Nacht verbrachte ich auf dem Klosett meines Zimmers, geschüttelt von Darmkrämpfen. Im Stundentakt schluckte ich die Tabletten, die ich in meine Reiseapotheke gepackt hatte. Sie zeigten keine Wirkung. Erst gegen Mittag des folgenden Tages hatte ich überhaupt die Chance, für kurze Zeit das Hotel zu verlassen. Ich fand eine Apotheke und kaufte ein indisches Präparat gegen Diarrhoe. Es färbte meinen Urin tiefbraun, und mir wurde speiübel. Aber das Medikament wirkte.

Hauptstraße in Skardu, links mein Bergführer Syed
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Auf dem Weg zum K 2 (Teil 1): Nichts für schwache Nerven
Die Klettersaison am Mount Everest und den anderen Achttausendern in Nepal hat mit Beginn der Monsunzeit geendet, die im Karakorum in Pakistan läuft. Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits befinden sich auf der Anreise zum K 2. Für mich war das der Anlass, noch einmal im Tagebuch meiner Reportagetour zum K 2-Basislager im Jahr 2004 zu blättern. In einer kleinen Serie lasse ich euch nun mit mir zum „König der Achttausender“ reisen – auch auf die Gefahr hin, dass sich in den vergangenen Jahren das eine oder andere geändert haben könnte.

Rawalpindi, aus dem Flugzeug fotografiert
Meinen ersten Weltuntergang erlebte ich in Rawalpindi nahe Islamabad. Twin Cities, Zwillingsstädte, werden die beiden genannt. Dabei könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Rawalpindi ist in Jahrhunderten gewachsen und pulsiert. Islamabad dagegen wurde Ende der 1950er Jahre als neue Hauptstadt Pakistans auf dem Reißbrett entworfen und beherbergt vor allem Behörden, Banken und Unternehmen. Alle Straßen kreuzen sich im rechten Winkel, die Stadtviertel tragen keine Namen, nur Buchstaben.
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Nicht sonderlich berührt
Unter Sprintern gilt: Der Zweite ist der erste Verlierer. Doch bei einem 100-Meter-Lauf würde niemals zugelassen, dass ein Athlet von Helfern ins Ziel geführt wird oder dass er sich eine Atemmaske umhängt, um mehr Sauerstoff schnaufen zu können. Insofern war der sogenannte „Wettlauf“ um die Krone der ersten Frau, die alle 14 Achttausender bestiegen hat, kein Wettbewerb im klassischen sportlichen Sinn. Die Koreanerin Oh Eun Sun, die als Erste das Ziel erreichte, war stets mit großen Teams und Hochträgern unterwegs und benutzte bei mehreren Aufstiegen auch Flaschen-Sauerstoff. Der Stil Edurne Pasabans, die als Zweite den Zielstrich überquerte, war sauberer, aber nicht makellos. Auch die Spanierin war mit großen Mannschaften unterwegs, zweimal griff sie beim Abstieg zur Atemmaske.

Gerlinde, nach dem Mount Everest, vor dem K 2
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Sekundenschlaf
Bergsteiger sind Reisende, Extrembergsteiger Dauerpendler. In der Expeditionssaison sehen sie ihr Zuhause nur auf der Durchreise. Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits sind eben erst vom Mount Everest zurückgekehrt, da wartet am 20. Juni bereits der nächste Trip zum zweithöchsten Berg der Erde, dem K 2 in Pakistan. Der Terminkalender für die Sandwich-Tage zwischen den beiden Expeditionen quillt über: Interviews geben, Sponsorentermine wahrnehmen, organisieren, packen.

Gerlinde und Ralf am Frankfurter Flughafen
Ich freue mich, dass sich die beiden Zeit nehmen, um mir von ihren Erlebnissen am Everest zu erzählen. Wir treffen uns am Frankfurter Flughafen, vor ihrem Abflug zu einer Sponsor-Veranstaltung auf Island. Beide wirken topfit, die Strapazen ihrer Expedition zum höchsten Berg der Erde sieht man ihnen nicht an. „Viel Zeit auszuspannen, hatten wir aber bisher nicht“, sagt Ralf.
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Bergmüll, Müllberg?
Leichen sind Müll – zumindest nach Lesart der nepalesischen Behörden. Jede Expedition zum Mount Everest, dem höchsten Berg der Erde, muss bei der Abreise eine Müll-Kaution von 4000 US-Dollar hinterlegen. Erst wenn die Bergsteiger nachweisen, dass sie den wiederverwertbaren Müll zurückgebracht und Bio-Abfall verbrannt oder regelgerecht entsorgt haben, erhalten sie das Geld zurück. Leichen gehören zur letztgenannten Kategorie. Bleiben sie am Berg, behalten die Behörden die Kaution ein.

Jahr für Jahr sterben Bergsteiger beim Versuch, den Mount Everest zu besteigen. Auf aktuell mehr als 5000 Besteigungen kommen 220 Todesfälle. Lassen die Kletterer ihr Leben in der sogenannten “Todeszone”, also oberhalb von 8000 Metern, ist es schwer bis unmöglich, die Leichen zu bergen. Hannelore Schmatz war 1979 die erste Deutsche, die den Gipfel des Everest erreichte. Beim Abstieg starb sie an Erschöpfung. Jahrelang passierten Bergsteiger auf dem Weg zum höchsten Punkt die als „German woman“ bekannte, im Schnee sitzende Leiche, ehe sie vom Sturm weggeweht wurde.
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Rätsel wohl ungelöst
“Es klingt seltsam, aber ich konnte mir den Gedanken nicht verkneifen, dass der Berg sich bemühte, sein Geheimnis für sich zu behalten.“ So beschrieb der Australier Duncan Chessell seinen gescheiterten Versuch, auf der tibetischen Nordseite des Mount Everest die Leiche des seit 1924 verschollenen Briten Andrew Irvine ausfindig zu machen – und natürlich dessen Fotoapparat. Die wohl meistgesuchte Kamera der Welt soll das Rätsel lösen, über das sich Generationen von Alpinhistorikern den Kopf zermartert haben. Was geschah wirklich am 8. Juni 1924, nachdem Irvine und George Leigh Mallory zu ihrem Gipfelversuch aufgebrochen waren? Die beiden kehrten nicht zurück. Mallorys Leiche wurde 1999 gefunden, seine Kamera nicht. Seitdem konzentrieren sich die Hoffnungen der Spurensucher auf die Leiche Irvines, wo immer sie auch liegen mag.
Nach seiner Rückkehr ins Basislager sagte Duncan Chessell, wie aus dem Nichts habe es zu schneien begonnen. Anderthalb Meter Schnee hätten sich über den Berg gelegt. Eine Suche nach Irvine sei unmöglich gewesen.

Der Australier Duncan Chessell
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Nicht ohne dich
Ich bin euch noch schuldig, wie es dem Bergsteigerpaar Alix von Melle und Luis Stitzinger am 8485 Meter hohen Makalu ergangen ist. Ein erster Gipfelversuch am 24. Mai scheiterte wegen Schneefalls. Alix und Luis legten auf rund 8000 Metern ein Materialdepot an, um am folgenden Tag einen weiteren Versuch zu starten. Als sie zu ihrem obersten Lager zurückkehrten, mussten sie zunächst zwei Ukrainer aus ihrem Zelt verscheuchen, die es sich dort bequem gemacht hatten.

Die geplante Aufstiegsroute
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Gipfelfoto

Da fröstelt es mich schon beim Hingucken. Ein Traumtag auf dem Mount Everest sieht sicher anders aus. Gerlinde hat heute dieses Gipfelfoto übermittelt. Noch am Montag stieg sie gemeinsam mit Ralf ins Basislager der Normalroute auf dem östlichen Rongbuk-Gletscher ab. Am Dienstag kehrten sie dann in ihr eigenes Lager auf dem zentralen Rongbuk-Gletscher zurück. Dort warteten bereits – früher als geplant – die Yaks und ihre Treiber auf die beiden Bergsteiger. Schnell wurde alles für die Rückreise zusammengepackt. Sicher werden wir in den nächsten Tagen noch einen detaillierten Bericht Gerlindes und Ralfs über ihre Erlebnisse erhalten.
Gerlindes 13. Streich
Gerlinde Kaltenbrunner hat ohne Atemmaske den Gipfel des Mount Everest erreicht. Das berichtete der italienische Bergsteiger Silvio Mondinelli, der ebenfalls am höchsten Punkt war.
Ralf musste wegen Erkältung passen
(Update 17.30 Uhr) Inzwischen ist Gerlindes Gipfelerfolg auch von Amical Alpin, der Firma von Gerlindes Ehemann Ralf Dujmovits, bestätigt worden. Danach hatte Ralf in der Nacht entschieden, im letzten Lager auf 8300 Metern Höhe auf seine Frau zu warten. Der 48-Jährige hatte sich eine Erkältung zugezogen, die für ihn einen Gipfelversuch unmöglich machte.

Gerlinde bei einer Akklimatisierungstour oberhalb der tibetischen Orts Nyalam
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Der reale Wahnsinn
Auf dem Gipfel des Mount Everest geht es in diesen Tagen zu wie am ersten Tag des Sommerschlussverkaufs. Allein der Veranstalter International Mountain Guides hat 30 Expeditionsmitglieder auf den höchsten Punkt gebracht. Der beinamputierte Kolumbianer Nelson Cardona hat auf einer Prothese den Gipfel erreicht. Oder auch Khalid Sulaiman Alsiyabi als erster Bergsteiger des Sultanats Oman. Apa Sherpa hat seinen Rekord auf nun 20 Everest-Besteigungen gesteigert.
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Paarweise
Vor ein paar Tagen auf der Heimfahrt vernahm ich im Radio eine mir vertraute Stimme. Reinhold Messner gab eines seiner – geschätzt – fünf Interviews pro Tag. Ich amüsierte mich über die (wie so oft vergeblichen) Versuche der Moderatorin, den Redefluss der lebenden Bergsteigerlegende zu unterbrechen. Aus eigener Erfahrung weiß ich wie schwer das ist. Dann horchte ich auf. Reinhold war kurz angebunden. Die Frage: Ob er jemals seine Partnerin auf einen schwierigen Berg mitgenommen habe? „Nein, nur bis ins Basislager. Bei meiner Frau, mit der ich seit mehr als 20 Jahren zusammenlebe, waren die Rollen klar verteilt. Sie kümmerte sich um die Erziehung der Kinder.“ Und Messner schob noch nach, dass er es toll finde, dass Gerlinde Kaltenbrunner gemeinsam mit ihrem Ehemann Ralf Dujmovits am Mount Everest eine schwierige Route versuche. „Ich hatte nie eine solche Partnerin.“ Fast klang der 65-Jährige ein bisschen neidisch.

Gerlinde und Ralf
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Liebesbeweis
Der Traum von der Durchsteigung der Nordwand des Mount Everest ist für Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits geplatzt. Schweren Herzens und nach langer Diskussion entschied sich das Ehepaar, vom zentralen Rongbukgletscher zum Nordsattel aufzusteigen und von dort aus auf dem tibetischen Normalweg zu versuchen, den 8850 Meter hohen Gipfel zu erreichen. Selbstverständlich ohne Atemmaske, aber eben doch auf einer sportlich weniger anspruchsvollen Route. Was war geschehen?

Abschied von der “Supercouloir”-Route
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Pasabán besteigt ihren 14. Achttausender
Die Zahl 17 hat ihr Glück gebracht. Am 17. April bestieg die Spanierin Edurne Pasabán in Nepal die Annapurna, ihren 13. Achttausender. Am heutigen 17. Mai erreichte sie mit ihrem Team um 07.30 Uhr MESZ den höchsten Punkt der Shishapangma in Tibet, 8027 Meter hoch. Es sei ein sehr emotionaler Augenblick gewesen, schreibt die 36 Jahre alte Baskin in ihrem Blog. Sie habe ihre Teamkameraden umarmt und Freudentränen geweint.

Pasabán auf dem Gipfel der Shishapangma
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Weil sie da sind
Der Mount Everest liegt in Fesseln. Auf der nepalesischen Südseite des höchsten Bergs der Erde haben Sherpas bis zum höchsten Punkt Fixseile gelegt. Und auch auf der tibetischen Nordseite dürfte es kaum anders aussehen. Alles ist bereitet für den Massenansturm. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Wetterverhältnisse, wann und wie viele zahlende Kunden den Gipfel erreichen. Eine Kanadierin war bereits, begleitet von ihrem Sherpa, oben auf 8850 Metern. Hunderte andere werden folgen.

Basislager auf der Südseite des Mount Everest
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