Umgedreht
Ich war in Lager 2, aber dem Falschen. Die Zelte, die ich heute an der Nordostflanke des Putha Hiunchuli erreichte, gehörten einer französischen Kleinexpedition (ein Bergführer, ein Kunde) und standen auf 5920 Metern. Als ich dort, ziemlich am Limit, eintraf, meinte Expeditionsleiter Herbert: „Stefan, am besten steigst du von hier wieder ab. Spare dir deine Kräfte für die nächsten Tage!“ Im ersten Augenblick kam ich mir vor wie früher, wenn zwei Fußballmannschaften gewählt wurden und keiner auf mich deutete. Doch selbstverständlich lag Herbert mit seiner Einschätzung goldrichtig. Das war einfach nicht mein Tag. Ich hatte zu wenig geschlafen, getrunken und gegessen und näherte mich dem Ende meiner Kräfte.
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Lager 1
Die alten Zeltteams haben sich wieder gefunden. Neben mir liegt Sergio in seinem Daunenschlafsack und genießt es, die müden Knochen auszuruhen. Mir geht es nicht anders. Heute werden wir die erste Nacht im Hochlager verbringen, auf 5.500 Metern. Das ist Teil unserer Akklimatisierung. Morgen früh schnallen wir uns erstmals die Steigeisen unter die Expeditionsschuhe und steigen zu Lagerplatz 2 auf etwa 6300 Metern auf.
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Relativ sauber
Die Relativitätstheorie gilt überall - auch im Basislager zu Füßen des Putha Hiunchuli, 100 Meter höher gelegen als der Gipfel des Mont Blanc. Man muss nicht Albert Einstein heißen, um das zu verstehen. Es genügt ein Ruhetag wie der heutige, um den Beweis zu erbringen. Die spezielle Relativitätstheorie betrifft die Sauberkeit. Seit anderthalb Wochen sind wir in den Bergen Nepals unterwegs und daher relativ dreckig, auf dem besten Weg zu Halbwilden.
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Knochenarbeit
Wenn ihr mich heute Mittag gefragt hättet, wie alt ich mich fühle, hätte ich zehn Lenze auf das tatsächliche Alter addiert. Mir fehlte die Luft, die Beine schmerzten, als ich nach dreieinhalb Stunden unseren Lagerplatz 1 auf 5500 Metern erreichte. Was mich beruhigte war, dass der Gesichtsausdruck meiner Bergkameraden ebenfalls von den Strapazen des Aufstiegs zeugte.
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Ruhetag mit technischen Schwierigkeiten
(telefonisch übermittelt)
Für heute ist noch einmal ein Ruhetag angesetzt. Nach dem Frühstück landete der Hubschrauber mit dem noch ausstehenden Expeditionsmaterial, das unter anderem den Arztkoffer mit Notfallpräparaten enthielt. Wir wurden in den Umgang mit den Sauerstoffflaschen und dem Überdrucksack eingewiesen.
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Basislager erreicht!
Wir sind im Basislager auf 4940 Metern angekommen. Allen geht es gut. Das Wetter ist perfekt. Leider gibt es im Moment Schwierigkeiten mit der Datenübertragung über das Satellitentelefon. Wir arbeiten aber daran.
Durchbeißen auf der Königsetappe
„Vergesst nicht, dass wir einen Siebentausender besteigen wollen. So ein Berg zeigt eben ab und zu seine Zähne.“ So stimmt uns Expeditionsleiter Herbert nach dem Frühstück ein. „Am Ende aber haben hoffentlich wir das letzte Wort.“ Die heutige Etappe hat es in sich: 1300 Höhenmeter netto, acht bis neun Stunden werden wir unterwegs sein.
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Ruhe vor dem ersten Sturm
Gäbe es keine Ruhetage, man müsste sie erfinden. Der Mensch kann nicht immer Vollgas geben. Manchmal gehört er in die mentale Garage. Wir genießen die Muße am Lagerplatz in Kakkot auf 3300 Metern. Morgen stehen uns 1200 Meter im Aufstieg bevor. „Das wird einer der härtesten Tage auf dieser Expedition“, sagt Herbert. Denen, die über Husten oder Schnupfen klagen, legt der Expeditionsleiter ans Herz, sich auszukurieren. „Nur wer sich absolut fit fühlt und wirklich Lust dazu hat, sollte an unserer kleinen Akklimatisationswanderung teilnehmen.“
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Schwierige Leute
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Das gilt auch für die Bewohner von Kakkot, unserem letzten Lagerplatz in der Zivilisation, bevor wir in drei Etappen zum Putha-Hiunchuli-Basislager aufsteigen. „Die Leute sind sehr unangenehm“, erzählt Pemba. „Als ich das erste Mal hier war, haben sie mich ganz übel beschimpft.“ Bis Kakkot wurde unser Gepäck mit 36 Maultieren transportiert, von nun an übernehmen Träger und Yaks diese Arbeit. Die Bewohner des Dorfes beanspruchen darauf ein Monopol. Sie sehen nicht ein, dass die Regierung in Kathmandu Gebühren dafür nimmt, dass Bergsteiger den Putha Hiunchuli besteigen. Schließlich sei er doch ihr Berg.
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Mister Putha Hiunchuli
Möglicherweise ist er sogar der Rekordhalter an diesem Berg. Dreimal hat Pemba Jangbu schon den 7246 Meter hohen Putha Hiunchuli bestiegen. Wenn das kein gutes Omen ist. Obwohl der Sherpa erst 25 Jahre alt ist, kann er bereits auf eine lange Karriere als Bergsteiger zurückblicken. Pemba durchlief die „klassische“ Sherpa-Laufbahn. Mit 13 Jahren heuerte er im Khumbu, der Region um den Mount Everest, als Träger an. Zwei Jahre später arbeitete er als Küchenjunge, dann als Hochträger und schließlich mit 17 Jahren als „Guide“, also als Bergführer.
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Ein Geheimtipp, der sich herumspricht
„Landungen in Juphal sind sehr knifflig“, sagt Kapitän Singh. Der Mann weiß, wovon er redet. Seit zehn Jahren fliegt er in die entlegenen Regionen Nepals. Der Propeller der einmotorigen Maschine, die zehn Passagieren Platz bietet, ist gerade zum Stillstand gekommen. Die Landepiste in Juphal liegt auf einem kleinen Plateau an einem Berghang, ist kurz und nicht asphaltiert. Als wir uns Juphal näherten, zappelte das Kleinflugzeug auf und ab. Nichts für schwache Nerven. „Es ist eine der schwierigsten Landungen in ganz Nepal“, findet Singh. Ich frage ihn, ob er nervös sei, wenn er auf die Sandpiste zusteuere. „Nein“, sagt der Pilot und lächelt. “Ich mache das schon so lange, das ist mein Job.“
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Der Vettel Nepals
Jedes Land hat seine Automobilsport-Talente. Der Sebastian Vettel Nepals steuerte unseren Kleinbus von Nepalgunj ins nördlich gelegene Surkhet. Der Bus war voll beladen. Innen drängten sich die Expeditionsteilnehmer mit ihren Rucksäcken, auf dem Dach stapelten sich die Packtaschen mit unserer Ausrüstung. Das hinderte den jungen Formel-Nepal-Piloten jedoch nicht daran, kräftig Gas zu geben. Wenn wir Straßensperren des Militärs passiert hatten, bekreuzigte sich der Fahrer, als suche er göttlichen Beistand für seine Raserei. Ich quetschte mich mit Expeditionsleiter Herbert auf der Vorderbank. Nicht angeschnallt, weil die Gurte fehlten. Ich kam mir vor, als befände ich mich in einem Formel-1-Computerspiel, bei dem ich die Geschwindigkeit unterschätze und die Zeche dafür in der nächsten Kurve bezahle.
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Aller Anfang ist schwer
Vier Jahre lang haben wir uns nicht mehr gesehen. In dieser Zeit ist viel im Leben des Mahesh Kumar Budha geschehen. Er ist zum vierten Mal Vater geworden – und sein eigener Chef. Im Frühjahr eröffnete er mit einem Partner eine Trekkingagentur. „Ich habe lange überlegt, ob ich in einen der Golfstaaten auswandern sollte, um meine Familie über Wasser zu halten“, erzählt Mahesh. Er entschied sich gegen den Abschied aus Nepal und für das Wagnis, ein eigenes Unternehmen zu gründen. „Ich bin seit 20 Jahren im Tourismusgeschäft. So viel Erfahrung sollte sich doch auszahlen.“
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Blickkontakt
Liebe auf den ersten Blick? Heute konnten wir das Ziel unserer Expedition erstmals in Augenschein nehmen. Eine Viertelstunde vor der Landung in Kathmandu öffnete sich über den Wolken der Blick auf die westlich in Nepal gelegenen Achttausender Dhaulagiri, Annapurna und Manaslu. Der Putha Hiunchuli gehört zum Dhaulagiri-Massiv und wird deshalb auch Dhaulagiri VII genannt. Joachim und ich diskutierten, welcher der Gipfel „unser Berg“ sei. Schnell wurden wir uns einig: Der mit dem großen schneebedeckten Gipfelplateau muss es sein. Mein Puls beschleunigte sich. Nicht, dass ich den Berg schon ins Herz geschlossen hätte. Es war vielmehr so, dass für mich in diesem Augenblick der Startschuss für die Expedition fiel. Die Zeit der Planungen und Vorbereitungen war abgehakt, das Abenteuer konnte beginnen.
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