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Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

Paarweise

Vor ein paar Tagen auf der Heimfahrt vernahm ich im Radio eine mir vertraute Stimme. Reinhold Messner gab eines seiner – geschätzt – fünf Interviews pro Tag. Ich amüsierte mich über die (wie so oft vergeblichen) Versuche der Moderatorin, den Redefluss der lebenden Bergsteigerlegende zu unterbrechen. Aus eigener Erfahrung weiß ich wie schwer das ist. Dann horchte ich auf. Reinhold war kurz angebunden. Die Frage: Ob er jemals seine Partnerin auf einen schwierigen Berg mitgenommen habe? „Nein, nur bis ins Basislager. Bei meiner Frau, mit der ich seit mehr als 20 Jahren zusammenlebe, waren die Rollen klar verteilt. Sie kümmerte sich um die Erziehung der Kinder.“ Und Messner schob noch nach, dass er es toll finde, dass Gerlinde Kaltenbrunner gemeinsam mit ihrem Ehemann Ralf Dujmovits am Mount Everest eine schwierige Route versuche. „Ich hatte nie eine solche Partnerin.“ Fast klang der 65-Jährige ein bisschen neidisch.


Gerlinde und Ralf

Nicht immer eitel Sonnenschein

Da hatte Reinhold offenbar noch nicht meinen Blog gelesen. Denn sonst hätte er bereits gewusst, dass die beiden ihren Plan inzwischen aufgegeben hatten, die Nordwand zu durchsteigen – nach heftigen Diskussionen, die für beide sicher nicht einfach waren. „Wir wissen mittlerweile, wie wir in schwierigen, gefährlichen Situationen reagieren“, sagte mir Gerlinde noch vor ihrer Abreise nach Tibet. „Es ist so, dass wir voreinander den Respekt bewahren. Und uns trotzdem energisch ansprechen können, ohne dass der andere das persönlich nimmt.“ Auch Ralf wollte gar nicht leugnen, dass so ein Leben im Extremen nicht immer nur eitel Sonnenschein bedeutet. „ Es gehört sehr viel Vertrauen dazu, auf so engem Raum unterwegs zu sein, die zum Teil auch sehr harten Momente auszuhalten. In aller Regel haben wir konträre Ansichten bis zum Basislager, wo wir auch schon mal heftiger diskutieren. Wenn wir dann gemeinsam als Team in der Wand unterwegs sind, funktionieren wir doch perfekt. Da kommen heftigere Auseinandersetzungen seltener vor.“

Bett und Kletterseil teilen

Die Beiden sind nicht das einzige Bergsteiger-Paar im Himalaya. Alix von Melle und Luis Stitzinger aus München versuchen sich am Makalu. Der 8485 Meter hohe Berg in Nepal wäre nach dem Gasherbrum II (2006), dem Nanga Parbat (2008) und dem Dhaulagiri (2009) der vierte Achttausender, den die beiden gemeinsam besteigen. Seit zwölf Jahren teilen sie „nicht nur Esstisch, Bett und Kletterseil, sondern auch unsere große Leidenschaft, das Höhenbergsteigen“, wie Alix schreibt. „Wir kennen uns sehr gut und haben großes Vertrauen ineinander“, sagt die 38 Jahre alte gebürtige Hamburgerin, die seit über 17 Jahren in München lebt. Ihr 41 Jahre alter Lebenspartner Luis hat sich als Speedbergsteiger und mit seinen spektakulären Skiabfahrten, etwa über die Diamir-Flanke des Nanga Parbat, einen Namen gemacht.


Luis und Alix

Letzte Konsequenz nicht vorstellbar

Extrembergsteiger führen ein gefährliches Leben. Wie schaffen die Paare den Spagat zwischen Risiko und Sorge um den Partner? „Man versucht, gefährliche Situationen möglichst von vornherein zu vermeiden“, sagt Alix. Und wenn es doch zum Äußersten kommt? Ralf und Gerlinde haben miteinander darüber gesprochen. „Es wird dann schon spannend, wenn man an diesen Punkt kommt: Was wäre, wenn es dem Partner so schlecht ginge, dass man eine Entscheidung treffen müsste, den anderen zurückzulassen?“ sagt Ralf. „Eine hundertprozentige Lösung finden wir dann doch keine, weil man sich diese Situation gar nicht vorstellen kann. In der Realität wäre sie noch einmal anders. Insofern werden wir die letzte Konsequenz nicht zu Ende denken können.“ Die Gesellschaft seiner Frau am Berg möchte der 48-Jährige dennoch nicht missen. „Mit Gerlinde, die ich über alles liebe, unterwegs zu sein und gemeinsam ausgeheckte Ziele zu erreichen, hat eine Qualität, die ich zuvor an den Bergen nie erfahren habe.”

Traute Gipfel-Zweisamkeit?

Das Ehepaar aus Bühl im Schwarzwald ist inzwischen vom Basislager auf dem zentralen Rongbukgletscher aus zum Nordsattel aufgestiegen, um in den nächsten Tagen – ohne Atemmaske – auf dem tibetischen Normalweg den höchsten Punkt des Mount Everest auf 8850 Metern zu erreichen. Die Mitglieder zahlreicher Expeditionen haben sich auf der Nord- und der Südseite des Bergs auf den Weg gemacht, um die vorhergesagte Schönwetterperiode zwischen dem 22. und 24. Mai auszunutzen. Traute Gipfel-Zweisamkeit dürfte für Gerlinde und Ralf also kaum möglich sein. In diesem Punkt stehen die Chancen für Alix und Luis am Makalu deutlich besser. Aber erst einmal müssen sie hinaufkommen. Ich drücke beiden Paaren die Daumen.

P.S. Das Daumendrücken gab es übrigens schon bei den alten Römern. Mit dem zwischen den anderen Fingern eingeschlossenen Daumen plädierten die Zuschauer der Gladiatorenspiele für Gnade. Der uns aus den Monumentalfilmen bekannte nach oben gereckte Daumen ist eine Erfindung Hollywoods. In späteren Zeiten sollte die Geste auch Dämonen vertreiben. „Wenn er (der Alp) drücket und man kann den Daumen in die Hand bringen, so muss er weichen“, heißt es bei den Gebrüdern Grimm.

Datum

21. Mai 2010 | 8:37

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