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Abenteuer Sport

mit Stefan Nestler

Tschüss China, hallo Kirgistan!

 

 

 Verbotenes Bild: die chinesischen Grenze

Verbotenes Bild: die chinesischen Grenze

Achteinhalb Stunden Fahrt, drei Stunden Schikane, macht elfeinhalb Stunden unterwegs. So lautet die Rechnung am vorletzten Tag unserer Expedition. Wir brechen um acht Uhr früh in Kaschgar auf. Zum Glück scheint sich die Lage nach dem Mord am Imam der Stadt ein wenig entspannt zu haben. Die Straßensperren vom Vortag sind weggeräumt. Ohne Probleme verlassen wir die Metropole an der Seidenstraße. Am ersten von vier chinesischen Grenzkontrollposten – dort hatten wir auf der Hinreise viel Zeit verloren, weil die Grenzsoldaten geschlossen zum Abendessen abgerückt waren – läuft es überraschend glatt. Wir müssen zwar unsere gesamten Gepäckstücke durch den Scanner jagen, doch kein einziges öffnen. Die Grenzbeamtinnen, die unsere Pässe kontrollieren, lächeln sogar und suchen das Gespräch mit uns. Wo wir denn in China gewesen seien, will eine von ihnen wissen. Wir erklären ihr, dass wir den 7129 Meter hohen Kokodak Dome erstbestiegen haben. „Dafür braucht man Stärke und Selbstbewusstsein“, antwortet die junge Frau. Als ich als Letzter der Gruppe die Kontrollstelle passiere, wünscht sie mir noch eine angenehme Reise nach Kirgistan. Na also, es geht doch! Man muss auch als Grenzposten nicht immer aussehen und sich benehmen, als hätte man einen Topf Essig verschluckt.

Datum

31. Juli 2014 | 20:18

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Shity – Tour

 

Apak Hoja Mazar

Apak Hoja Mazar

Das dürfte eine der kürzesten Stadtrundfahrten in der Geschichte Kaschgars gewesen sein. An unserem letzten Tag in der Metropole an der Seidenstraße will uns Fremdenführer Akbar einige Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen. Mit dem Bus fahren wir zunächst zur Apak Hoja Mazar. In diesem Mausoleum, das 1640 erbaut wurde, sind 72 Mitglieder des Hoja-Clans bestattet. Das waren Uiguren, die zu ihrer Zeit ganz gut darin waren, mit ihren Truppen gegen scheinbar übermächtige Gegner anzutreten und sich einiges unter den Nagel zu reißen, was ihnen vorher nicht gehört hatte. Das Mausoleum ist ein sehr gut erhaltenes, schönes Bauwerk. „Seit fast 400 Jahren ist die Farbe unverändert, selbst die weißen Teile“, erzählt Akbar. „Ein kleines Wunder“. Das hätten wir auch gebraucht, um zu unserem zweiten Tagesziel zu gelangen, der großen Moschee Kaschgars. Es bleibt aus, wir stranden an einer Straßensperre.

Datum

30. Juli 2014 | 15:05

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Wie Clint ohne Colt

Vorher…

Einige Berufe mit großer Tradition sind in unseren Breiten nahezu ausgestorben. Etwa der des Barbiers. Die Haare kannst du dir in Europa überall schneiden lassen, aber den Bart entfernen? Das kennen wir bestenfalls noch aus den Western des letzten Jahrhunderts: Clint Eastwood setzt sich auf den Stuhl, ein schmieriger Barbier zückt das Rasiermesser und setzt es Clint mit einem fiesen Grinsen an den Hals. Das Lächeln vergeht ihm jedoch, weil Clint ihm den geladenen Colt zwischen die Beine hält. Oder war es Charles Bronson? Wie auch immer, an diese Szene fühle ich mich heute morgen erinnert, als ich von einem jungen Uiguren auf dem Barbierstuhl in die Waagerechte befördert werde und er mir das Rasiermesser an den Hals hält.

Datum

29. Juli 2014 | 15:43

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Vom Basislager ins Vier-Sterne-Hotel

 

 

Oh nein, bitte bleibt hier!

Oh nein, bitte bleibt hier!

Zurück in der Zivilisation. Als wir mit unseren verstaubten Bergschuhen und Hosen sowie den verschwitzten T-Shirts im Vier-Sterne-Hotel in Kaschgar einrücken, wirken wir ein wenig deplatziert. Zweieinhalb Wochen am Berg haben ihre Spuren hinterlassen. Wir nehmen die abschätzenden Blicke gelassen. Schließlich haben wir den 7129 Meter hohen Kokodak Dome erstbestiegen. Heute früh haben wir das Basislager geräumt. Mich beschleicht ein seltsames Gefühl, als ich auf den Platz sehe, wo über zwei Wochen lang mein Zelt gestanden hat.

Datum

28. Juli 2014 | 20:25

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Den Brunnen erreicht

Gruppenbild mit Kokodak Dome

Gruppenbild mit Kokodak Dome

Die Zeichen stehen auf Abschied vom Kokodak Dome. Heute früh tauchten Treiber mit ein paar Eseln und Kamelen im Basislager auf. Die erste Hälfte unseres Gepäcks ist auf dem Weg ins Tal. Morgen werden wir unsere Zelte abbrechen und einen Tag früher als ursprünglich geplant in die Stadt Kashgar reisen. Zeit, Bilanz zu ziehen. Luis, der Leiter unserer Expedition, ist rundum zufrieden. „Ich habe mich irre gefreut, dass alle am Gipfel waren. Bei einer Erstbesteigung ist das natürlich doppelt schön. Es war eine Super-Teamleistung“, sagt Luis. „Unsere Expedition hat wie am Schnürchen geklappt.“

Datum

27. Juli 2014 | 15:16

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Gipfelgefühle

Kokodak Dome mit Gletschersee

Kokodak Dome mit Gletschersee

Ich bin kein Gipfeljäger. Ich bin gefühlt schon ebenso oft umgekehrt wie ich auf den höchsten Punkten von Bergen gestanden habe. Und nun darf ich mich plötzlich „Erstbesteiger eines Siebentausenders“ nennen? Ich, der vor etwa 15 Jahren noch auf keinem Grat gehen konnte, ohne dass meine Beine vor lauter Höhenangst zu zittern begannen wie eine Nähmaschine? Verrückt. Als wir vor zwei Tagen im Gipfelbereich des Kokodak Dome eine kleine Pause einlegten, trat Hannes aus der Spur in den jungfräulichen Schnee. „Hier hat vor mir noch niemals zuvor ein Mensch gestanden“, verkündete er stolz und zu Recht. Mir war das in diesem Gipfeltag nicht bewusst. Vielleicht war ich zu sehr auf das große Ziel fokussiert, diesen Berg zu besteigen.

Datum

26. Juli 2014 | 14:25

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Zurück vom Berg

Spuren hinterlassen

Spuren hinterlassen

Nach dem Oben-Sein das Unten-Sein genießen – das gehört zu Bergabenteuern dazu. Wir haben es geschafft, den Großteil unseres Gepäcks aus den Hochlagern abzutransportieren. Wir alle werden die kommende Nacht im Basislager verbringen. Das ist einfach ein Plus an Lebensqualität, vergleichbar einem Einzelzimmer im Hotel. Ich glaube, das kann nur verstehen, wer schon einmal an einer Expedition teilgenommen hat. Wenn du dein großes Ziel erreicht hast, willst du nur noch zurück. Als ich heute morgen meinen Rucksack für den Abstieg aus Lager 2 auf 6300 Metern gepackt habe, steht mein Entschluss fest: Ich will keine Nacht mehr in Lager 1 auf 5500 Metern verbringen. Ich will nur noch herunter vom Berg, egal wie schwer der Rucksack auf meinen Schultern lastet.

Datum

25. Juli 2014 | 19:15

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Gipfeltag mit maximalem Erfolg

Meine erste 7000er-Besteigung

„Das ist auch eine Premiere für mich“, freut sich Expeditionsleiter Luis. „Alle 13 Teilnehmer am Gipfel, dazu unsere beiden Nepalesen und ich selbst, und das bei der Erstbesteigung eines Siebentausender. Wahnsinn!“ Der Kokodak Dome ist kein weißer Fleck mehr auf der Weltkarte der Berge. Wir haben den 7129 Meter hohen Berg im Westen Chinas am heutigen 24. Juli erstbestiegen. Für alle im Team geht damit ein Traum in Erfüllung. „Es ist besonders schön, dass niemand enttäuscht nach Hause fahren muss.“ Selbst unser Ältester, Richard, stand mit 69 Jahren ganz oben.

Datum

24. Juli 2014 | 13:10

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Gipfeltag

7.20 (MEZ) Anruf von Stefan, 20 Meter unterhalb des Gipfels:

Die komplette Gruppe inclusive Luis und der beiden Sherpas hat den Gipfel erreicht!

Stefan ist in der Mitte der Gruppe auf dem 7129 Meter hohen Kokodak Dome angekommen.

Es war sehr stürmisch am Gipfel. Wolken versperrten die Sicht. Aber die schönen Ausblicke hätten sie schon die vergangenen Tage gehabt, sagt er. VN.

Datum

24. Juli 2014 | 7:54

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Tag der Entscheidung

Großes Palaver in Lager 2

Bleibt der 7129 Meter hohe Kokodak Dome ein weißer Fleck auf der Berglandkarte oder wird er erstmals bestiegen? Am morgigen Donnerstag fällt die Entscheidung. Nachdem wir alle nach Lager 2 auf 6300 Meter aufgestiegen sind, ziehen Expeditionsleiter Luis und Chhongba Sherpa noch einmal los. Sie erkunden den weiteren Weg, steigen weitere 200 Höhenmeter auf. Nach einer Stunden kehren die beiden zurück und trommeln das gesamte Team zusammen. „Unten war es ziemlich ekelhaft. Da sind wir teilweise bis zu den Knien im weichen Schnee eingesunken“, berichtet Luis. „Aber das ist bei der heutigen Hitze auch normal. In der Nacht sollten unsere Spuren gut anfrieren, so dass wir einen guten Tritt hätten.“ Hinter dieser ersten Steigung lege sich der Hang zurück, ein Plateau mit einer sanfteren Neigung reihe sich an das andere. „Das sieht gut aus“, fasst Luis zusammen. „Ich glaube, wir haben morgen eine gute Gipfelchance.“

Datum

23. Juli 2014 | 14:39

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Halleluja, was für ein Tag!

Saziergang geht anders

Spaziergang geht anders

Einen verunglückten Spaziergang hat der großartige Kurt Tucholsky einst das Golfspiel genannt. Er hätte auch unseren heutigen Aufstieg nach Lager 1 meinen können. Natürlich fiel er uns leichter als bei den beiden ersten Malen, weil wir inzwischen besser akklimatisiert sind. Doch ein Spaziergang war es darum noch lange nicht, bestenfalls eben ein verunglückter. Immerhin mussten wir wieder 1200 Höhenmeter überwinden, durch Gletschermoränen wandern, über Bruchgestein und durch weichen Schnee bergauf stapfen. „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich dabei nicht am Limit war“, freute sich Hannes aus meiner Seilschaft. Obwohl wir noch nicht ans Seil mussten, stiegen Churchy, Hannes und ich schon heute gemeinsam auf. Wir haben einfach dasselbe Tempo und senden auch noch auf derselben Wellenlänge. Churchy ist in unserem Trio der Gute-Laune-Bär. Immer wieder juchzt er laut auf oder ruft „Halleluja, was für ein toller Tag!“

Datum

22. Juli 2014 | 17:18

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Unruhe vor dem Gipfelsturm

SonnenuntergangEs ist angerichtet. „Für die nächsten Tage wird eigentlich durchweg schönes Wetter erwartet“, sagt Expeditionsleiter Luis, als wir die Taktik für unseren Gipfelversuch besprechen. „Kaum Niederschläge und verhältnismäßig moderate Temperaturen von minus 16 Grad Celsius am Gipfel, gegen Ende der Woche nur noch minus zwölf bis minus neun Grad.“ Der Wind blase in der Spitze mit 40 bis 50 Stundenkilometern, aber wohl immer nur dann, wenn sich, wie in den letzten Tagen häufiger geschehen, eine Wolke über uns festsetze. „Es gibt keinen Tag, wo es ganz ruhig wäre. Das müssen wir so akzeptieren“, schließt Luis seinen Wetterbericht und kommt zum Wesentlichen: „Wir sind fit, gut vorbereitet. Ich würde vorschlagen, den Gipfelangriff einzuläuten.“

Datum

21. Juli 2014 | 17:19

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Allein am Berg

Abstieg von Lager 1

Abstieg von Lager 1

Wir sind privilegiert. Das wurde mir gestern Abend richtig bewusst. Ausgerechnet gestern Abend, als ich vom Aufstieg nach Lager 2 völlig am Ende meiner Kräfte ins Zelt in Lager 1 kroch. Es war nur eine kleine Begebenheit, die mir die Augen öffnete. Ich sammelte im Zelt in einer Plastiktüte den Müll, den Sven und ich während der beiden Tage am Berg produzierten. Gestern Abend lagen dabei nun gelbe Verpackungsbänder, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. „Die habe ich vom Berg mitgebracht“, klärte mich Sven auf. Ich schaute mir die Bänder genauer an. Eine Emailadresse aus Korea? „Bedeutet das, dass die Koreaner schon vor uns am Kokodak Dome waren?“, fragte ich leicht irritiert. Sven musste lachen: „Nein, das waren die Bänder, mit denen unsere Fixseile zusammengezurrt waren.“ Ich atmete durch. Wir sind also doch allein am Berg.

Datum

20. Juli 2014 | 12:47

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Berg Gnadenlos

Schneegrat

„So ein Sch…berg!“ Bei einer kurzen Rast auf 6183 Metern platzt es aus mir heraus, sehr zur Freude meiner Expeditionsgefährten. Seit Stunden quälen wir uns den Kokodak Dome hinauf, ohne einmal durchatmen zu können. Gleich hinter unserem Lager 1, wo wir die Nacht verbracht haben, um uns an die Höhe zu gewöhnen, wartet der erste Aufschwung. So steil, dass unsere bärenstarken nepalesischen Helfer, Singi und Chhongba, dort die ersten Fixseile angebracht haben. Über einen schönen Schneegrat geht es fast gerade aufwärts. Es folgt der nächste steile Hang, der übernächste, kein Ende in Sicht. Der Schnee ist tief und sulzig, an vielen Stellen brechen wir bis zu den Knien in der weißen Pampe ein. Wir tragen alle unsere Expeditionsschuhe mit Steigeisen. Sie verschaffen uns einerseits Sicherheit in Schnee und Eis und sorgen für warme Füße. Andererseits sind die klobigen Schuhe nicht unbedingt Kandidaten für den Preis „Fühl’ dich wohl mit dieser Sohl’!“. Und wenn du diese Treter in weiche Schneehänge mit bis zu 50 Prozent Steigung wuchtest, ist der Weg zu einem saftigen Fluch nicht weit.

Datum

19. Juli 2014 | 17:06

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Ausgepumpt und wiederbelebt

Eva-Maria und Churchy waren meine moralische Unterstützung

Langsam kann ich wieder denken. Als ich hier oben in Lager 1 auf 5529 Metern eintraf, fühlte ich mich nur noch wie ein ausgewrungener Waschlappen. Völlig leer gepumpt, nach Luft japsend. Fast 1200 Höhenmeter auf einen Rutsch steckten in meinen Knochen. Ob ich die letzten 300 Höhenmeter alleine geschafft hätte, weiß ich nicht. Für mich war es eine große Hilfe, dass Eva-Maria, Churchy und Volker mit mir aufstiegen. Eva-Maria hatte einen richtigen Lauf, sie spurte für uns durch den weichen Schnee, als wäre es das Normalste der Welt. „Ich bin heute einfach gut drauf“, kommentierte sie ihre starke Leistung lapidar.

Datum

18. Juli 2014 | 15:59

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